Jenseits des Bösen
um einen weiteren Gedanken zu bemühen, fand ihn aber nicht.
»Die Kreaturen, die der Jaff gemacht hat, sehen aus, als wären sie ausgegraben worden«, sagte Grillo. »Glauben Sie, daß Sie so etwas da unten finden werden?«
Hotchkiss' Antwort war der Gedanke, den er vor einem Augenblick nicht hatte formulieren können. »Als sie starb«, sagte er. »Carolyn, meine ich... als Carolyn starb, träumte ich, daß sie sich einfach vor meinen Augen auflöste. Nicht verweste.
Auflöste. Als hätte das Meer sie zurückgeholt.«
»Haben Sie diese Träume noch?«
»Nee. Heute träume ich gar nicht mehr.«
»Jeder träumt.«
»Dann gestatte ich mir nicht mehr, mich daran zu erinnern«, sagte Hotchkiss. »Also... stehen Sie mir bei?«
»Wobei?«
»Beim Abstieg.«
»Sie wollen es wirklich machen? Ich dachte, es wäre
buchstäblich unmöglich, da hinunterzugelangen.«
»Dann sterben wir eben bei dem Versuch«, sagte Hotchkiss.
»Ich muß noch eine Geschichte aufschreiben.«
»Ich will Ihnen was sagen, mein Freund«, entgegnete Hotchkiss. »Dort ist die Geschichte. Die einzige Geschichte. Direkt unter unseren Füßen.«
»Ich sollte Sie warnen. Ich leide an Klaustrophobie.«
397
»Das werden wir Ihnen bald abgewöhnen«, antwortete
Hotchkiss mit einem Lächeln, das für Grillos Geschmack ein klein wenig zuversichtlicher hätte sein können.
2
Howie hatte den größten Teil des Nachmittags wacker gegen den Schlaf gekämpft, aber am frühen Abend konnte er kaum noch die Augen offenhalten. Als er Jo-Beth sagte, daß er ins Hotel zurückkehren wollte, erhob Mama Einwände und sagte ihm, sie würde sich sicherer fühlen, wenn er im Haus blieb. Sie richtete das Gästezimmer her - er hatte die vergangene Nacht auf dem Sofa verbracht -, und er legte sich dort hin. Sein Körper hatte in den zurückliegenden Tagen einiges einstecken müssen. Seine Hand war immer noch ziemlich geschwollen, und auch der Rücken tat noch weh, obwohl die Einstiche, die ihm das Terata zugefügt hatte, nicht tief waren. Doch das alles hielt ihn nicht länger als ein paar Sekunden vom Schlafen ab.
Jo-Beth machte das Essen für Mama - für Mama Salat, wie immer - und sich selbst. Sie erledigte die vertrauten häuslichen Tätigkeiten, als hätte sich gegenüber letzter Woche überhaupt nichts verändert, und kurze Zeit, während sie in die Arbeit vertieft war, konnte sie das Grauen vergessen. Doch dann rief ihr ein Blick ins Gesicht ihrer Mutter oder auf das glänzende neue Schloß an der Hintertür den Schrecken wieder ins Gedächtnis zurück. Sie konnte die Erinnerungen nicht mehr in eine bestimmte Ordnung bringen: lediglich Demütigungen und
Schmerz und weitere Demütigungen und Schmerz. Und alles überragte der Jaff; ihr nahe, zu nahe, manchmal gefährlich dicht daran, sie von seinen Visionen zu überzeugen, so wie er Tommy-Ray überzeugt hatte. Der Gedanke, der sie am meisten ängstigte, war der, daß sie tatsächlich imstande gewesen sein könnte, zum Feind überzulaufen. Als er ihr erklärt hatte, er 398
wollte Vernunft, keine Gefühle, hatte sie ihn verstanden. Hatte sogar freundschaftliche Gefühle für ihn empfunden. Und die lockenden Worte von der ›Kunst‹ und der Insel, die er ihr zeigen wollte...
»Jo-Beth?«
»Mama?«
»Alles in Ordnung?«
»Ja. Natürlich. Ja.«
»Woran hast du gedacht? Dein Gesichtsausdruck...«
»Nur... über gestern nacht.«
»Das solltest du vergessen.«
»Vielleicht fahre ich rüber zu Lois und rede eine Weile mit ihr. Würde dir das etwas ausmachen?«
»Nein. Ich komme hier zurecht. Howard ist ja da.«
»Dann gehe ich.«
Von all ihren Freunden im Grove verkörperte niemand das Normale, von dem sich ihr Leben verabschiedet hatte, so perfekt wie Lois. Trotz ihrer strengen Moral hatte sie einen starken und schlichten Glauben an das Gute. Sie wollte, kurz gesagt, daß die Welt ein friedlicher Ort war, wo in Liebe großgezogene Kinder ihrerseits wieder Kinder haben konnten.
Sie kannte auch das Böse. Es war jede Kraft, die dieser Vision entgegenstand. Terroristen, Anarchisten, Wahnsinnige. Jetzt wußte Jo-Beth, daß sie alle Verbündete auf einer höheren Daseinsebene hatten. Einer war ihr Vater. Es war wichtiger denn je, daß sie die Gesellschaft derer suchte, deren Definition des Guten unerschütterlich war.
Als sie aus dem Auto ausstieg, hörte sie Lärm und Gelächter aus Lois' Haus dringen; nach den Stunden der Angst und des Unbehagens, die sie hinter sich hatten, war das
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