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Jenseits des Bösen

Jenseits des Bösen

Titel: Jenseits des Bösen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clive Barker
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ein
    willkommenes Zeichen. Sie klopfte an die Tür. Das Getöse ging unbeeinträchtigt weiter.
    »Lois?« rief sie, aber das Ausmaß der Ausgelassenheit drin-399
    nen war solchermaßen, daß Klopfen und Rufen ungehört blieben; daher pochte sie ans Fenster und rief noch einmal. Die Vorhänge wurden zurückgezogen, und Lois' fragendes Gesicht wurde sichtbar; ihr Mund formte Jo-Beths Namen. Das Zimmer hinter ihr war voller Menschen. Zehn Sekunden später war sie an der Tür und hatte einen so ungewöhnlichen Gesichtsausdruck, daß Jo-Beth sie fast nicht erkannte: ein Lächeln des Willkommens. Hinter ihr schien jedes Licht im Haus
    eingeschaltet zu sein; eine grelle Lichterflut, die sich über die Schwelle ergoß.
    »Überraschung«, sagte Lois.
    »Ja, ich dachte mir, ich schau' mal vorbei. Aber Sie haben...
    Besuch.«
    »Sozusagen«, antwortete Lois. »Es ist momentan ein wenig schwierig.«
    Sie warf einen Blick ins Haus zurück. Sie schien ein Ko-stümfest zu geben. Ein Mann im Cowboyanzug stapfte die Treppe hinauf, seine Sporen funkelten, als er an einem anderen in Militäruniform vorbeiging. Durch die Diele ging Arm in Arm mit einer dunkel gekleideten Frau ein Mann, der sich ausgerechnet als Chirurg verkleidet hatte, bis hin zur Gesichts-maske. Daß Lois diese Party organisiert hatte, ohne Jo-Beth etwas davon zu sagen, war an sich schon merkwürdig; sie hatten im Buchladen weiß Gott genügend Zeit zu schwatzen. Aber daß sie sie überhaupt gab - die verschlossene, rechtschaffende Lois -, war doppelt seltsam.
    »Es wird wohl nichts ausmachen«, sagte Lois. »Immerhin bist du eine Freundin. Du solltest dabei sein, richtig?«
    Wobei war die Frage, die Jo-Beth durch den Kopf schoß, aber sie hatte keine Zeit, sie zu stellen, denn schon wurde sie von Lois, die ihren Arm mit unerbittlicher Kraft nahm, nach drinnen gezogen, und dann wurde die Tür hinter ihr zugemacht.
    »Ist das nicht reizend?« sagte Lois. Sie strahlte eindeutig.
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    »Sind zu dir auch Leute gekommen?«
    »Leute.«
    »Die Besucher.«
    Jo-Beth nickte nur, doch das reichte aus, Lois' Plappern in neue Bahnen zu lenken. »Die Kritzlers nebenan haben Besuch aus Masquerade - du weißt schon, die Serie über die Schwestern?«
    »Die Fernsehserie?«
    »Natürlich die Fernsehserie. Und mein Mel... nun, du weißt ja, wie sehr er die alten Western liebt...«
    Sie verstand wenig, wenn überhaupt etwas, von alledem, aber sie ließ Lois weiterplappern, weil sie befürchtete, eine un-passende Frage ihrerseits würde sie als Uneingeweihte auswei-sen und den Strom der Geständnisse zum Versiegen bringen.
    »Ich? Ich bin die glücklichste«, plapperte Lois. »So glücklich. Alle Leute aus Day by Day sind gekommen. Die ganze Familie. Alan, Virginia, Benny, Jayne. Sie haben sogar Morgan mitgebracht. Das muß man sich mal vorstellen.«
    »Woher sind sie denn gekommen, Lois?«
    »Sie sind einfach in der Küche aufgetaucht«, lautete die Antwort. »Und sie haben mir natürlich gleich den ganzen
    Familienklatsch erzählt...«
    Nur der Laden interessierte Lois so sehr wie Day by Day, die Geschichte von Amerikas Lieblingsfamilie. Sie setzte sich regelmäßig hin und erzählte Jo-Beth jede Einzelheit der Folge des vergangenen Abends, als wäre es Teil ihres eigenen Lebens. Jetzt schien es, als hätte diese Illusion sie vollkommen in ihren Bann gezogen. Sie sprach von den Pattersons, als wären sie wahrhaftig Gäste in ihrem Haus.
    »Sie sind alle so reizend, wie ich es mir immer vorgestellt habe«, fuhr Lois fort, »aber ich hätte mir nie träumen lassen, daß sie sich mit den Leuten aus Masquerade vertragen. Du weißt ja, die Pattersons sind so gewöhnlich; das mag ich ja so an ihnen. Sie sind so...«
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    »Lois. Hören Sie auf damit.«
    »Was ist denn los?«
    »Das will ich ja von Ihnen wissen.«
    »Nichts ist los. Alles ist wunderbar. Die Besucher sind da, und ich könnte gar nicht glücklicher sein.«
    Sie lächelte einem Mann im hellblauen Jackett zu, der zur Begrüßung winkte.
    »Das ist Todd aus The Last Laugh...«, sagte sie.
    Satire aus dem Spätprogramm entsprach ebensowenig Jo-
    Beths Geschmack wie Day by Day, aber der Mann kam ihr vage bekannt vor. Wie das Mädchen, dem er
    Kartenkunststücke gezeigt hatte; und der Mann, der eindeutig mit ihm um ihre Gunst buhlte und den man, selbst auf diese Entfernung, für den Master von Mamas Lieblingsquizsendung Hideaway halten konnte.
    »Was ist hier los?« sagte Jo-Beth. »Ist das eine
    Doppelgänger-Party oder so

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