Jenseits des Bösen
was?«
Lois' Lächeln, das eine starre Grimasse gewesen war, seit sie Jo-Beth unter der Tür begrüßt hatte, wurde nun ein wenig schief.
»Glaubst du mir nicht?« sagte sie.
»Glauben?«
»Das mit den Pattersons.«
»Nein. Natürlich nicht.«
»Aber sie sind da, Jo-Beth«, sagte sie und war plötzlich todernst. »Ich glaube, ich wollte sie schon immer einmal kennenlernen, und jetzt sind sie gekommen.« Sie nahm Jo-Beths Hand, und ihr Lächeln wurde wieder strahlend. »Wirst schon sehen«, sagte sie. »Und keine Bange, zu dir wird auch jemand kommen, wenn du es dir nur sehnlich genug wünschst.
Es passiert überall in der Stadt. Nicht nur Fernsehstars. Leute von der Plakatwerbung und aus Zeitschriften. Schöne
Menschen, wunderbare Menschen. Du mußt keine Angst
haben. Sie gehören zu uns.« Sie kam etwas näher. »Bis gestern 402
abend war mir das überhaupt nicht klar. Sie brauchen uns ebensosehr, oder nicht? Vielleicht noch mehr. Und daher werden sie uns kein Haar krümmen...«
Sie stieß die Tür auf, hinter der das lauteste Gelächter ertönte. Jo-Beth folgte Lois ins Innere. Hier waren die Lichter, die sie schon in der Diele geblendet hatten, noch heller, obwohl keine Lichtquelle zu sehen war. Es war, als wären die Menschen in dem Zimmer selbst erleuchtet, ihr Haar leuchtete, Augen und Zähne ebenso. Mel stand untersetzt, kahl und stolz am Kamin und sah sich in dem Zimmer um, das mit berühmten Gesichtern vollgestopft war.
Die Stars waren nach Palomo Grove gekommen, wie Lois es versprochen hatte. Die Familie Patterson - Alan und Virginia, Benny und Jayne, sogar der Hund Morgan - hielt mitten im Zimmer Hof, und verschiedene Nebenfiguren aus der Serie -
Mrs. Kline von nebenan, der Fluch in Virginias Leben; die Haywards, denen der Laden an der Ecke gehörte - waren ebenfalls anwesend. Alan Patterson war in eine angeregte Unterhaltung mit Hester D'Arcy verwickelt, der häufig mißbrauchten Heldin aus Masquerade. Ihre geile Schwester, die die halbe Familie vergiftet hatte, um an den unsagbaren Reichtum heranzukommen, stand in einer Ecke und machte einem Mann aus der Unterhosenreklame schöne Augen, der so gekommen war, wie er am besten bekannt war: fast nackt.
»Alle!« sagte Lois laut über den Lärm hinweg. »Ihr alle, bitte, ich möchte euch eine Freundin vorstellen. Eine meiner besten Freundinnen...«
Die bekannten Gesichter drehten sich um, als würde Jo-Beth die Umschläge von einem Dutzend Fernsehzeitschriften sehen, und sahen in ihre Richtung. Sie wollte diesem Wahnsinn den Rücken kehren, bevor er auch sie in den Bann schlagen konnte, aber Lois hielt ihre Hand fest. Außerdem war dies ja Teil des allgemeinen Wahnsinns. Wenn sie es verstehen wollte, mußte sie an Ort und Stelle bleiben.
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»... das ist Jo-Beth McGuire«, sagte Lois.
Alle lächelten; sogar der Cowboy.
»Du siehst aus, als könntest du einen Schluck vertragen«, sagte Mel, nachdem Lois Jo-Beth einmal durchs Zimmer geführt hatte.
»Ich trinke keinen Alkohol, Mr. Knapp.«
»Das heißt nicht, daß du nicht aussiehst, als könntest du welchen brauchen«, lautete die Antwort. »Ich glaube, nach dem heutigen Abend müssen wir alle unsere Gewohnheiten ändern, findest du nicht? Oder vielleicht nach dem gestrigen Abend.«
Er sah zu Lois, deren helles Lachen wie Glocken ertönte. »Ich habe sie noch nie so glücklich gesehen«, sagte er. »Und das macht mich glücklich.«
»Aber wissen Sie, wo diese Leute alle hergekommen sind?«
sagte Jo-Beth.
Mel zuckte die Achseln. »Das weiß ich ebensowenig wie du.
Komm mit, ja? Ich brauche einen Schluck, auch wenn du keinen willst. Lois hat sich diese kleinen Freuden nie gegönnt. Ich habe immer gesagt: Gott sieht gerade nicht her. Und falls doch, stört es Ihn nicht.«
Sie drängten sich durch die Gäste in die Diele. Dort hatten sich zahlreiche Leute versammelt, die dem Gedränge im Wohnzimmer entfliehen wollten; unter ihnen mehrere
Mitglieder der Kirche: Maeline Mallett; Al Grigsby; Ruby Sheppherd. Sie lächelten Jo-Beth zu, und ihre Gesichter verrieten mit keiner Miene, daß sie diese Versammlung außergewöhnlich fanden. Hatten sie vielleicht ihre eigenen Besucher mitgebracht?
»Waren Sie gestern nacht unten im Einkaufszentrum?«
fragte Jo-Beth Mel und sah ihm zu, wie er ihr Orangensaft einschenkte.
»Ja, war ich«, sagte er.
»Und Maeline? Und Lois? Und die Kritzlers?«
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»Ich glaube schon. Ich habe vergessen, wer alles da war, aber doch, ich glaube die meisten...
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