Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Jenseits des Bösen

Jenseits des Bösen

Titel: Jenseits des Bösen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clive Barker
Vom Netzwerk:
bist du sicher, daß du nicht etwas in den Saft möchtest?«
    »Vielleicht«, sagte sie unbestimmt, während sie im Geiste die Teile des Geheimnisses zusammensetzte.
    »Gut für dich«, sagte Mel. »Gott sieht gerade nicht her, und falls doch...«
    »... stört es Ihn nicht.«
    Sie nahm den Drink.
    »Ganz recht. Es stört Ihn nicht.«
    Sie nippte daran, dann trank sie einen großen Schluck.
    »Was ist da drin?« fragte sie.
    »Wodka.«
    »Dreht die Welt durch, Mr. Knapp?«
    »Ich glaube schon«, lautete die Antwort. »Aber das Schöne daran ist, es gefällt mir so.«

    Howie wachte kurz nach zehn Uhr auf, aber nicht, weil er ausreichend ausgeruht war, sondern weil er sich im Schlaf herumgedreht und die verletzte Hand unter sich eingeklemmt hatte. Die Schmerzen weckten ihn augenblicklich. Er richtete sich auf und studierte die pochenden Knöchel im Mondschein.
    Die Schnitte waren wieder aufgebrochen. Er zog sich an und ging ins Bad, um das Blut abzuwaschen, dann machte er sich auf die Suche nach einem Verband. Jo-Beths Mutter gab ihm einen, zusammen mit dem sachverständigen Rat, wie man die Hand verbinden mußte und der Information, daß Jo-Beth zu Lois Knapp gegangen war.
    »Sie hat sich verspätet«, sagte Mama.
    »Es ist noch nicht halb zehn.«
    »Trotzdem.«
    »Soll ich nach ihr sehen?«
    »Würdest du das machen? Du kannst Tommy-Rays Auto
    nehmen.«
    405
    »Ist es weit?«
    »Nein.«
    »Dann gehe ich lieber zu Fuß.«
    Die warme Nacht und die Tatsache, daß ihm keine Unge-
    heuer auf den Fersen waren, rief ihm seine erste Nacht hier im Grove ins Gedächtnis zurück: Wie er Jo-Beth in Butrick's Steak House kennengelernt, mit ihr gesprochen und sich innerhalb von Sekunden in sie verliebt hatte. Die Plagen, die seither über den Grove hereingebrochen waren, waren eine direkte Folge dieser Begegnung. Doch so bedeutend wie seine Gefühle für Jo-Beth waren, er brachte es nicht über sich zu glauben, daß sie so ernste Folgen nach sich gezogen hatten.
    War es möglich, daß hinter der Feindschaft zwischen dem Jaff und Fletcher - hinter der Essenz und dem Kampf um ihren Besitz - eine noch größere Verschwörung stand? Er hatte sich stets mit derlei Undenkbarem beschäftigt; zum Beispiel sich die Unendlichkeit vorzustellen, oder wie es sein würde, die Sonne zu berühren. Die Freude lag nicht in einer Lösung, sondern im Nachdenken, das erforderlich war, wenn man sich mit den Fragen beschäftigte. Der Unterschied beim
    vorliegenden Problem bestand jedenfalls darin, daß er selbst darin verwickelt war. Sonnen und Unendlichkeit beschäftigten weitaus größere Geister als ihn. Aber was er für Jo-Beth empfand, beschäftigte nur ihn, und wenn - wie ein tief in ihm vergrabener Instinkt (möglicherweise Fletchers Echo?) ihm sagte - die Tatsache, daß sie einander begegnet waren, ein kleiner, aber entscheidender Teil einer gewaltigen Geschichte war, dann konnte er das Denken nicht den größeren Geistern überlassen. Die Verantwortung lag zumindest teilweise bei ihm; auf ihnen beiden. Wie sehr er sich wünschte, es wäre nicht so. Wie sehr sehnte er sich danach, er hätte, wie jeder Kleinstadtfreier, genügend Zeit, um Jo-Beth zu werben. Pläne für die Zukunft machen zu können, ohne daß eine unerklärliche Vergangenheit schwer auf ihnen ruhte. Aber das war nicht 406
    möglich, ebensowenig, wie man etwas Geschriebenes
    ungeschrieben oder etwas Gewünschtes ungewünscht machen konnte.
    Hätte er dafür noch einen konkreteren Beweis gebraucht, hätte es keinen besseren geben können als die Szene, die ihn hinter der Tür von Lois Knapps Haus erwartete.
    »Da will dich jemand sprechen, Jo-Beth.«
    Sie drehte sich um und sah denselben Gesichtsausdruck vor sich, den sie vor zwei Stunden gehabt haben mußte, als sie zur Tür hereingekommen war.
    »Howie«, sagte sie.
    »Was ist denn hier los?«
    »Eine Party.«
    »Ja, das sehe ich. Aber die vielen Schauspieler. Woher kommen sie? Sie können unmöglich alle im Grove leben.«
    »Das sind überhaupt keine Schauspieler«, sagte sie. »Das sind Leute aus dem Fernsehen. Und aus ein paar Filmen. Nicht viele, aber...«
    »Warte, warte.«
    Er kam näher zu ihr. »Sind das Freunde von Lois?« sagte er.
    »Ganz sicher«, sagte sie.
    »Diese Stadt hat immer wieder eine Überraschung parat, was? Gerade wenn man meint, man hat alles im Griff...«
    »Aber das sind keine Schauspieler, Howie.«
    »Eben hast du gesagt, daß sie es sind.«
    »Nein. Ich habe gesagt, es sind Leute aus dem

Weitere Kostenlose Bücher