Jenseits des Bösen
der Anblick eines Grabbewohners gewährt, und er sah sein eigenes Fleisch vor seinen Augen verwesen. Die Haut wurde dunkel und von Gasen aufgebläht, dann platzte sie auf, Eiter und Wasser flossen aus den Rissen. Als er das sah, grinste er und spürte, wie sich das Grinsen ausdehnte bis zu den Ohren, als sein Gesicht aufplatzte. Und er zeigte nicht nur die Knochen seines Lächelns, auch die Gebeine unter Armen, Handgelenken und Fingern kamen nun zum Vorschein, von der Verwesung freigelegt. Herz und Lungen unter dem Hemd
fielen flüssiger Fäulnis zum Opfer und flossen weg; seine Eier wurden mit ihnen fortgespült, der schrumpelige Schwanz ebenso.
Und das Grinsen wurde immer noch breiter, bis sämtliche Gesichtsmuskeln verschwunden waren und er das Lächeln des Todesjungen lächelte, so breit wie ein Lächeln nur werden konnte.
Die Vision war nicht von Dauer. Kaum gegeben, war sie auch schon vorüber, und er kniete wieder auf den spitzen Steinen und sah die blutigen Handflächen an.
»Ich bin der Todesjunge«, sagte er, stand auf und drehte sich um, um den ersten glücklichen Pisser zu sehen, der ihn nach seiner Verwandlung anschauen durfte.
416
Der Mann war ein paar Meter entfernt stehengeblieben.
»Sieh mich an«, sagte Tommy-Ray. »Ich bin der Todes-
junge.«
Der arme Scheißer starrte ihn nur an und begriff nichts.
Tommy-Ray lachte. Das Verlangen, den Mann zu töten, war von ihm gewichen. Er wollte einen lebenden Zeugen, der in kommenden Tagen bezeugen konnte, was geschehen war. Der sagte: Ich war dabei, und es war ehrfurchtgebietend, Tommy-Ray sterben und wieder auferstehen zu sehen.
Er nahm sich einen Augenblick Zeit und betrachtete die Überreste des Nuncio an den Scherben der Phiole und ein paar verstreute Spritzer auf dem Boden. Nicht genügend, es aufzu-sammeln und dem Jaff zu bringen. Aber er brachte ja jetzt etwas Besseres. Sich selbst, von der Angst befreit, vom Fleisch befreit. Ohne den Zeugen noch eines Blickes zu würdigen, drehte er sich um und ließ ihn in seiner Verwirrung stehen.
Die Glorie der Verwandlung war zwar von ihm gewichen, aber ein schwacher Nachgeschmack blieb - was er nicht begriff, bis sein Blick auf einen Stein am Boden fiel. Er bückte sich und hob ihn auf; möglicherweise ein hübsches Geschenk für Jo-Beth. Aber als er es in der Hand hielt, wurde ihm klar, daß es überhaupt kein Stein war, sondern der zerschmetterte und schmutzige Schädel eines Vogels. In seinen Augen
leuchtete er.
Der Tod leuchtet, sagte er sich. Wenn ich ihn sehe, leuchtet er.
Er steckte den Schädel in die Tasche, ging zum Auto und fuhr rückwärts den Berg hinunter, bis die Straße breit genug war, daß er wenden konnte. Dann brauste er mit einer
Geschwindigkeit davon, die selbstmörderisch gewesen wäre, wäre Selbstmord jetzt nicht eine seiner vielen neuen
Spielsachen gewesen.
Raul drückte die Finger in einen der Spritzer des Nuncio.
417
Dieser stieg seiner Hand perlförmig entgegen, wand sich durch die Spiralen der Fingerabdrücke und stieg durch das
Knochenmark von Hand, Handgelenk und Unterarm empor, bis er am Ellbogen versiegte. Er spürte - oder bildete es sich ein -
eine unmerkliche Neugestaltung in den Muskeln, als würde seine Hand, die die Affenform nie völlig verloren hatte, ein wenig näher zum Menschsein gelockt. Er ließ sich nur ein paar Augenblicke von dem Gefühl ablenken; Teslas Befinden sorgte ihn mehr als sein eigenes.
Auf dem Rückweg den Berg hinauf fiel ihm ein, daß die letzten Tropfen des Nuncio vielleicht mithelfen konnten, die Frau wieder gesund zu machen. Wenn sie nicht bald Hilfe in irgendeiner Form bekam, würde sie sicher sterben. Was war zu verlieren, wenn er die Große Arbeit tun ließ, was sie konnte?
Mit diesem Gedanken im Kopf stapfte er in Richtung
Mission zurück, weil er wußte, wenn er versuchte, die zerschmetterte Phiole zu berühren, würde er zum Nutznießer ihrer Wirkung werden. Tesla mußte die Straße hinab zu der Stelle getragen werden, wo die kostbaren Tropfen verschüttet wurden.
Die Frauen hatten ihre Kerzen rings um Tesla herum aufgestellt. Sie sah bereits wie ein Leichnam aus. Er erteilte seine Anweisungen rasch. Sie wickelten sie ein und halfen ihm, sie ein Stück die Straße hinunterzutragen. Sie war nicht schwer. Er nahm ihren Kopf und die Schultern, zwei Frauen trugen die untere Hälfte, eine dritte drückte das mittlerweile völlig durchnäßte Hemd auf die Schußwunde.
Sie kamen langsam voran und stolperten in der
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