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Jenseits des Bösen

Jenseits des Bösen

Titel: Jenseits des Bösen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clive Barker
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Danach zog es sich zurück, und sie war nicht sicher, ob sie das ganze Tier oder nur eines seiner Gliedmaßen gesehen hatte.
    Die Hütte war nicht groß; mit einem Blick hatte sie alles gesehen. Die Wände unbearbeiteter Stein, der Boden
    festgetretene Erde. Kein Bett, keine Möbel. Nur ein kleines Feuer, das in der Mitte auf dem Boden brannte und dessen Rauch zwar die Möglichkeit hatte, durch ein Loch in der Decke abzuziehen, es aber statt dessen vorzog, drinnen zu bleiben und die Luft zwischen ihr und dem einzigen Bewohner der Hütte zu verschmutzen.
    Er sah aus, als wäre er so alt wie die Steine der Mauern, nackt und schmutzig, die Haut straff und brüchig wie Papier 423
    über seine dürren Knochen gespannt. Er hatte sich den Bart ungleichmäßig abgesengt, an manchen Stellen waren noch graue Haarflusen. Sie wunderte sich, daß er überhaupt noch genügend Verstand hatte, das zu tun. Der Gesichtsausdruck deutete auf ein Gehirn im fortgeschrittenen Zustand der Katatonie hin.
    Doch kaum war sie eingetreten, sah er zu ihr auf und sah sie an, ungeachtet der Tatsache, daß sie keine Substanz hatte. Er räusperte sich und spie Schleim in das Feuer.
    »Mach die Tür zu«, sagte er.
    »Sie können mich sehen?« antwortete sie. »Und hören?«
    »Selbstverständlich«, entgegnete er. »Und jetzt mach die Tür zu.«
    »Wie soll ich das machen?« wollte sie wissen. »Ich habe...
    keine Hände. Nichts.«
    »Du kannst es«, antwortete er. »Stell dir einfach vor, du hättest deinen Körper.«
    »Hm?«
    »Verfluchte Scheiße, so schwer kann das doch nicht sein! Du hast dich doch oft genug angesehen. Stell dir vor, wie du aussiehst. Mach dich real. Los doch. Tu es für mich.« Sein Tonfall schwankte zwischen Drohung und Schmeichelei. »Du mußt die Tür zumachen...«
    »Ich versuche es.«
    »Nicht fest genug«, lautete die Antwort.
    Sie wartete einen Augenblick, bevor sie die nächste Frage zu stellen wagte.
    »Ich bin tot, nicht?« fragte sie.
    »Tot? Nein.«
    »Nein?«
    »Der Nuncio hat dich erhalten. Du lebst, aber dein Körper ist noch bei der Mission. Ich will ihn hier haben. Wir müssen etwas erledigen.«
    Die gute Nachricht, daß sie noch am Leben war, wenn auch 424
    Leib und Seele getrennt, spornte sie an. Sie dachte ganz fest an den Körper, den sie beinahe verloren hatte, den Körper, in den sie über einen Zeitraum von zweiunddreißig Jahren hinweg hineingewachsen war. Er war keineswegs perfekt, aber
    wenigstens gehörte er ihr allein. Kein Silikon; keine Kniffe und Falten. Sie mochte ihre Hände und die zierlichen Handgelenke, die schiefen Brüste, bei denen die linke Brustwarze doppelt so groß wie die rechte war, ihre Fotze, den Hintern. Aber am meisten gefiel ihr ihr Gesicht mit seinen Eigenheiten und Lachfältchen.
    Der Trick war, sich das alles vorzustellen. An alle
    Einzelheiten zu denken und den Körper damit an diesen Ort zu bringen, wo ihre Seele hingereist war. Sie vermutete, daß der alte Mann sie dabei unterstützte. Er sah zwar noch zur Tür, aber sein Blick war nach innen gerichtet. Die Sehnen am Hals standen wie straffe Seile vor; der lippenlose Mund zuckte.
    Seine Energie half ihr. Sie spürte, wie ihre Leichtigkeit schwand, sie wurde hier substantieller, wie eine Suppe, die auf dem Feuer ihrer Fantasie eindickte. Sie erlebte einen Augenblick des Zweifels, als sie beinahe bedauerte, das unbeschwerte Dasein als reine Gedanken zu verlieren, aber dann fiel ihr ihr Gesicht wieder ein, das ihr zulächelte, wenn sie am Morgen aus der Dusche kam. Es war ein herrliches Gefühl, in diesem Körper zur Reife zu gelangen und ihn um seiner selbst willen lieben zu lernen. Das simple Vergnügen eines guten Rülpsers oder, noch besser, eines guten Furzes.
    Ihrer Zunge beizubringen, zwischen Wodkas zu unterscheiden; ihren Augen, Matisse zu bewundern. Wenn sie ihren Körper wieder mit dem Denken verband, hatte sie mehr zu gewinnen als zu verlieren.
    »Fast«, hörte sie ihn sagen.
    »Ich spürte es.«
    »Noch ein klein wenig. Beschwöre.«
    Sie sah auf den Boden hinunter und merkte dabei erst, daß 425
    sie es wieder konnte. Ihre Füße waren da, sie standen nackt auf der Schwelle. Und auch der Rest ihres Körpers nahm vor ihrem Blick Gestalt an. Sie war splitternackt.
    »Jetzt...«, sagte der Mann am Feuer. »Mach die Tür zu.«
    Sie drehte sich um und gehorchte. Es war ihr überhaupt nicht peinlich, daß sie nackt war, besonders nach der Anstrengung, die erforderlich gewesen war, ihren Körper

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