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Jenseits des Bösen

Jenseits des Bösen

Titel: Jenseits des Bösen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clive Barker
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erkennen; eine Stadt, die mitten in diesem Nichts errichtet worden war. Sie näherte sich ihr mit unverminderter
    Geschwindigkeit. Dies war offenbar nicht ihr Ziel, wenn sie überhaupt eines hatte. Sie überlegte, daß sie ja auch einfach reisen und reisen konnte. Daß diese Daseinsform einfach eine der Bewegung war; eine Reise ohne Zweck oder Ziel. Während sie durch die Hauptstraße raste, hatte sie Zeit zu sehen, daß die Stadt solide erbaut war und Geschäfte und Häuser sich auf beiden Seiten gruppierten, aber sie war auch vollkommen ohne Charakter. Das heißt, unbewohnt und ohne Merkmale. Keine Schilder an den Geschäften oder Kreuzungen; überhaupt keine Spur von Menschen. Noch ehe sie diese bizarren
    Gegebenheiten richtig begriffen hatte, war sie am
    gegenüberliegenden Stadtrand und raste wieder über von der Sonne versengten Boden. Der Anblick der Stadt, so kurz er gewesen war, hatte den Verdacht erhärtet, daß sie hier vollkommen allein war. Nicht nur würde ihre Reise endlos sein, sondern auch ohne Begleitung. Dies war die Hölle, dachte sie; oder eine gutfunktionierende Definition derselben.
    Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis ihr Verstand vor diesem Schrecken in den Wahnsinn flüchtete. Einen Tag?
    Eine Woche? Gab es solche Unterscheidungen hier überhaupt?
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    Ging die Sonne unter und wieder auf? Sie versuchte, zum Himmel zu sehen, aber die Sonne war hinter ihr, und da sie keinen Körper hatte, warf sie auch keinen Schatten, anhand dessen sie den Stand der Sonne ablesen konnte, noch besaß sie die Macht, sich umzudrehen und selbst nachzusehen.
    Doch es gab etwas anderes zu sehen, und das war noch
    eigentümlicher als die Stadt: Ein alleinstehender Turm oder eine Säule, aus Metall erbaut, stand mitten in der Wüste; Drahtseile hielten sie, als würde sie andernfalls
    davonschweben. Wieder war sie innerhalb von Sekunden dort und wieder daran vorbei. Wieder spendete sie ihr keinen Trost.
    Aber als sie daran vorbei war, überkam sie ein neues Gefühl: daß sie, die Wolken und der Sand unter ihr alle vor etwas flohen. Hatte eine Wesenheit in der konturlosen Stadt gelauert, wo sie nicht zu sehen gewesen war, und folgte ihr nun, von der Anwesenheit eines Menschen erregt? Sie konnte sich nicht umdrehen, sie konnte nichts sehen, sie konnte nicht einmal die Schritte des Wesens hören, das ihr folgte. Aber es würde kommen. Wenn nicht jetzt, dann bald. Es war unablässig und unausweichlich. Und der erste Augenblick, da sie es sah, würde ihr letzter sein.
    Dann eine Zuflucht! Immer noch ein weites Stück entfernt, aber sie wurde immer größer, während sie darauf zuraste; es schien sich um eine kleine Hütte aus Steinen zu handeln, deren Mauern weiß gestrichen waren. Ihre schwindelerregende Geschwindigkeit wurde langsamer. Offenbar hatte die Reise doch ein Ziel: diese Hütte.
    Sie sah gebannt auf die Hütte und suchte nach Anzeichen, ob sie bewohnt war; und ihre periphere Wahrnehmung erblickte eine Bewegung weit rechts neben der Behausung. Tesla wurde zwar langsamer, aber ihre Geschwindigkeit war immer noch beachtlich, und da sie die Szene nicht studieren konnte, bekam sie nicht mehr als einen Blick auf die Gestalt mit. Aber es war ein Mensch, eine Frau, in Lumpen gekleidet: Das sah sie. Auch 422
    wenn die Hütte so unbewohnt wie die Stadt war, einen Trost -
    wenn auch einen kleinen - hatte sie, nämlich daß noch eine Menschenseele durch diese Einöde wanderte. Sie sah nochmals angestrengt nach der Frau, doch diese war gekommen und gegangen. Und es gab dringendere Probleme: die Tatsache, daß die Hütte fast bei ihr war, oder sie bei der Hütte, und ihre Geschwindigkeit immer noch ausreichte, Behausung und
    Besucherin beim Aufprall zu zerschmettern. Sie wappnete sich und überlegte, daß ein Tod durch Zusammenprall der
    unendlichen Reise vorzuziehen war, die sie befürchtet hatte.
    Und plötzlich hielt sie an; direkt vor der Tür. Von
    dreihundert Stundenkilometern auf null in einem halben Herzschlag.
    Die Tür war geschlossen, aber sie spürte etwas über der Schulter - obwohl sie körperlos war, schien es unmöglich, nicht in Begriffen wie über und hinter zu denken -, das in ihr Sichtfeld hineingriff. Es war schlangenförmig, so dick wie ihr Handgelenk und so dunkel, daß sie nicht einmal im grellen Sonnenlicht Einzelheiten seiner Anatomie erkennen konnte. Es hatte kein Muster; keinen Kopf; keine Augen; keinen Mund; keine Schuppen. Aber es hatte Kraft. Genügend, um die Tür aufzustoßen.

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