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Jenseits des Bösen

Jenseits des Bösen

Titel: Jenseits des Bösen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clive Barker
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hierherzubringen.
    Sie ging dreimal pro Woche ins Gymnastikstudio. Sie wußte, ihr Bauch war schlank, der Hintern straff. Außerdem schien es ihren Gastgeber nicht zu kümmern; er war selbst nackt und betrachtete sie, so schien es, kaum mehr als flüchtig. Wenn in diesen Augen jemals Lüsternheit gewesen war, so war sie bereits vor Jahren versiegt.
    »Gut«, sagte er. »Ich bin Kissoon. Du bist Tesla. Setz dich.
    Sprich mit mir.«
    »Ich habe viele Fragen«, sagte sie zu ihm.
    »Würde mich überraschen, wenn es nicht so wäre.«
    »Kann ich sie stellen?«
    »Du kannst sie stellen. Aber setz dich erst hin.«
    Sie setzte sich ihm gegenüber auf den Boden, das Feuer zwischen ihnen. Der Boden war warm; die Luft auch. Innerhalb von dreißig Sekunden schwitzte sie aus allen Poren. Es war angenehm.
    »Zuerst...«, sagte sie, »... wie bin ich hierhergekommen?
    Und wo bin ich?«
    »Du bist in New Mexiko«, antwortete Kissoon. »Und wie?
    Nun, das ist eine schwierigere Frage, aber es läuft auf folgendes hinaus: Ich habe dich beobachtet - dich und ein paar andere
    - und auf eine Möglichkeit gewartet, jemanden hierherzubringen. Die Todesnähe und der Nuncio haben mitgeholfen, deinen Widerstand gegen die Reise abzubauen. Du hattest kaum eine andere Wahl.«
    »Wieviel weißt du über das, was im Grove geschieht?«
    fragte sie ihn.
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    Er gab trockene Laute mit dem Mund von sich, als versuchte er, Speichel zu sammeln. Als er schließlich antwortete, klang es niedergeschlagen.
    »O Gott im Himmel, zuviel«, sagte er. »Ich weiß zuviel.«
    »Die ›Kunst‹, Essenz... das alles?«
    »Ja«, sagte er mit derselben Niedergeschlagenheit. »Das alles. Ich selbst, Narr, der ich bin, habe es in Gang gebracht. Das Wesen, das du als den Jaff kennst, saß einmal genau da, wo du jetzt sitzt. Damals war er nur ein Mensch. Randolph Jaffe, auf seine Weise eindrucksvoll - das mußte er sein, um überhaupt hierherzugelangen -, aber trotzdem war er nur ein Mensch.«
    »Ist er so gekommen wie ich?« fragte sie. »Ich meine, war er dem Tode nahe?«
    »Nein. Er besaß einfach eine größere Gier nach der ›Kunst‹
    als die meisten, die danach suchen. Er ließ sich nicht von den Rauchwänden und Täuschungen aufhalten und den Tricks, die die meisten Menschen von der Fährte abbringen. Er hat so lange gesucht, bis er mich gefunden hatte.«
    Kissoon betrachtete Tesla mit zusammengekniffenen Augen, als könnte er auf diese Weise besser sehen und bis in ihren Schädel eindringen.
    »Was soll ich sagen«, meinte er. »Immer wieder dasselbe Problem: Was soll ich sagen?«
    »Du hörst dich an wie Grillo«, sagte sie. »Hast du ihm auch nachspioniert?«
    »Ein- oder zweimal, wenn eure Wege sich gekreuzt haben«, sagte Kissoon. »Aber es ist nicht wichtig. Du bist es. Du bist sehr wichtig.«
    »Wie kommst du darauf?«
    »Zunächst, weil du hier bist. Seit Randolph war niemand mehr hier, und überleg mal, was das für Konsequenzen nach sich gezogen hat. Dies ist kein gewöhnlicher Ort, Tesla. Ich bin sicher, das hast du schon erraten. Dies ist eine Schleife - eine Zeit außerhalb der Zeit -, die ich für mich selbst geschaffen 427
    habe.«
    »Außerhalb der Zeit?« sagte sie. »Das verstehe ich nicht.«
    »Wo soll ich anfangen«, sagte er. »Das ist die andere Frage, nicht? Zuerst, was soll ich erzählen. Dann, wo soll ich anfangen... Nun, du weißt von der ›Kunst‹. Du weißt von der Essenz.
    Weißt du auch über den Schwarm Bescheid?«
    Sie schüttelte den Kopf.
    »Das ist, oder war, einer der ältesten Orden der Weltreligion.
    Eine winzige Sekte - wir waren immer nur siebzehn -, die ein Dogma hatte, die ›Kunst‹, und einen Himmel, die Essenz, und nur ein Ziel, beide rein zu halten. Dies war ihr Zeichen«, sagte er, hob einen kleinen Gegenstand vom Boden auf und warf ihn ihr zu. Auf den ersten Blick dachte sie, es wäre ein Kruzifix. Es war ein Kreuz, und in der Mitte war ein Mann mit gespreizten Gliedmaßen. Aber eingehendere Betrachtung strafte diesen Eindruck Lügen. Auf jedem der vier Arme des Symbols waren andere Gestalten eingeritzt, die Verballhornungen oder Abwandlungen der zentralen Gestalt zu sein schienen.
    »Glaubst du mir?« sagte er.
    »Ich glaube dir.«
    Sie warf das Symbol wieder auf seine Seite des Feuers zurück.
    »Die Essenz muß um jeden Preis bewahrt werden. Das hat Fletcher dir zweifellos klar gemacht?«
    »Das hat er gesagt, ja. War er einer vom Schwarm?«
    Kissoon schüttelte mißbilligend den Kopf. »Nein, diesen

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