Jetzt tu ich erstmal nichts - und dann warte ich ab
Wer eine Sache liebt, der schiebt: Einleitung
Ohne Aufschieberitis hätte ich gar keine Zeit,
ein Buch wie dieses zu lesen.
Ich wollte dieses Buch erst nennen: »Acht Wege, seine Arbeit aufzuschieben.« Ich weiß, was Sie beim Anblick des Titels gedacht hätten:
Was, nur acht Wege? Ich kenne Hunderte … Oder Sie gehören zu der Fraktion: »Vielleicht habe ich gar kein Talent zum Aufschieben, denn meistens
schaffe ich meine Aufgaben irgendwie …«
Auch dann sind Sie hier richtig. Denn Aufschieben kann man lernen. Im ersten Teil verrate ich Ihnen die acht besten Methoden, mit denen Sie Ihre
wichtigen Projekte erfolgreich auf Eis legen können. Haben Sie erst einmal den Nutzen der kreativen Arbeitsvermeidung erkannt, werden Sie bald in die
Oberliga aufsteigen. Sie werden sehen, wie mit ein wenig Ausdauer Höchstleistungen im Aufschieben möglich sind. Lassen Sie sich von gelegentlichen
Rückschlägen, wie versehentlich pünktlich abgelieferten Arbeiten, nicht entmutigen. Schnell beherrschen Sie die einfachen Grundregeln, um Ihren eigenen
Stil im Schieben zu entwickeln.
Vielleicht zählen Sie aber schon zu den alten Hasen, die sich bestens mit der langen Bank auskennen. Dann sind Sie soziologisch in guter
Gesellschaft. Nach einschlägigen Studien geben ca. 25 % der Bevölkerung an, regelmäßig lästige Dinge auf später zu vertagen. Gegen ihren Willen,
wohlgemerkt.Und das gilt für die Bewohner auf allen Erdteilen. Bei den Studierenden sind es sogar rund 70 %.
Was für eine Kaufkraft! Unsere Ersatzhandlungen sind für die Weltwirtschaft von unermesslicher Bedeutung. Was machen wir denn, statt die
Steuererklärung auszufüllen? Wir fangen freiwillig an, Fenster zu putzen, im Internet zu surfen und kaufen bei einem einschlägigen Kaffeeröster einen
elektrischen Pfefferstreuer (mit Licht!). Wie würde der Konjunkturmotor erst stottern, wenn die Ausgaben unserer Ablenkungsmanöver verloren gingen? Ohne
uns würden die Putzmittelproduzenten Pleite gehen, die Internetanbieter Konkurs anmelden und der einschlägige Kaffeeröster könnte nur noch Kaffee
verkaufen …
Wäre »Aufschieber« ein Sternzeichen (Aszendent Zeitfuchs), käme ungefähr folgende Charakterisierung heraus: Liebenswerte Menschen, denen Pünktlichkeit
und Zuverlässigkeit grundsätzlich wichtig ist. Eine dubiose Eigenschaft verleitet sie jedoch dazu, bestimmte Tätigkeiten, die ihnen unangenehm sind, bis
zur Schmerzgrenze aufzuschieben. Verspätete oder unvollständige Leistungen verkaufen sie ihrem Auftraggeber mit viel Charme und rhetorischem
Geschick. Viele von ihnen sind Studenten, Selbstständige, Führungskräfte und Vertreter kreativer Berufe.
Tatsächlich können gerade die Kreativen ein Lied von der produktiven Aufschieberei singen. Hier ein paar prominente Beispiele aus dem Dunstkreis der
Weltliteratur.
Der Schriftsteller Wolfgang Köppen ( Tauben im Gras ) schrieb nur, wenn er es unbedingt musste. Ungeachtet aller Fristen, gelang es niemandem, ihm
ein Manuskript zu entreißen, das er noch als unfertig betrachtete (Reich-Ranicki 2000).
Ottfried Preußler kam am Anfang mit seinem Krabat nicht mehr weiter. Aus Verdruss schrieb er den Räuber Hotzenplotz . Erst anschließend
konnte er den Krabat vollenden.
Thomas Mann, dem man wirklich keine Arbeitsstörung nachsagen kann, ließ die erste Hälfte seines Hochstapler-Romans Felix Krull fast vier Jahrzehnte liegen, bevor er die zweite Hälfte (des ersten Teils!) hinzufügte. Zum geplanten zweiten Teil kam es nicht mehr. Mit 79 Jahren
zeigte der Nobelpreisträger Mut zur Lücke: »Wie, wenn der Roman weit offen stehen bliebe? Es wäre kein Unglück meiner Meinung nach.«
Mancher Dichter machte aus der Not eine Tugend und schrieb über die Unfähigkeit zu schreiben. So zieht sich das Motiv der Arbeitsblockade wie ein roter
Faden durch das Werk von Thomas Bernhard. Aus dem Nachlass erschien als erstes Meine Preise , ein Strauß von Aufschiebe-Geschichten, die sich um
seine Preisverleihungen ranken.
Eine gute Stunde vor der Übergabe des Grillparzer-Preises sucht er einen ihm »von mehreren Sockenkäufen bestens bekannten« Herrenausstatter auf, um
sich für den Anlass einen Anzug zu kaufen. Im Wettlauf gegen die Zeit wird die penible Auswahl des feinen Tuchs zur köstlichen Groteske.
Erst eine halbe Stunde vor der Verleihung des Bremer Literaturpreises setzt sich Bernhard auf sein Bett und notiert den ersten Satz für die Dankesrede:
»Mit
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