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Kleine Luegen erhalten die Liebe

Kleine Luegen erhalten die Liebe

Titel: Kleine Luegen erhalten die Liebe Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Katy Regan
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Mal verspürt.

KAPITEL SIEBEN
Damals
Dezember 1996,
Lancaster
    Fraser goss sich Wein nach und beugte sich wieder über das Kochbuch: Zusammenstellung der Moussaka: Legen Sie eine Schicht Kartoffeln auf den Boden und eine Schicht Auberginen darüber, fügen Sie die Fleischsauce hinzu und bestreuen Sie alles mit  …
    Verdammt, aber das war wie etwas aus Der Krypton Faktor . Es half auch nicht, dass er jetzt schon den größten Teil einer Flasche Wein getrunken hatte und die Worte zu verschwimmen begannen: Kartoffeln, Auberginen, Fleisch. Oder war es Kartoffeln, Fleisch und Auberginen? Er hatte keine Ahnung; er wusste nur, dass sie sehr bald hier sein würde und er noch etwas fabrizieren musste, das als Béchamelsoße bezeichnet wurde.
    Er zündete sich eine Zigarette an und wedelte mit der Hand den Rauch weg, sodass er sich mit den Kochgerüchen zu einer Mischung aus Silk Cut, gebratenem Hackfleisch und Waldfrüchten vereinte, wobei letztere Duftnote von den Duftkerzen herrührte, die Melody ständig mit nach Hause brachte, »weil Kerzen Atmosphäre schaffen«. Offensichtlich. An einem ganz alltäglichen Abend konnte South Road Nummer fünf für die Sixtinische Kapelle durchgehen.
    Fraser blickte sich in der Küche um; sie sah aus, als wäre hier eingebrochen worden, und im Stillen verwünschte er sich dafür, ein Gericht gewählt zu haben, zu dessen Zubereitung praktisch jedes Utensil im Haus gebraucht wurde. Warumhatte er nicht etwas Einfaches wie ein Chili oder Currygericht gekocht?
    Die Präsentation würde entscheidend sein. Fraser griff in den Hängeschrank, um die schweren Geschütze aufzufahren: Melodys große Terrakotta-Kasserolle. Er begann, sie mit einer Schicht Auberginenscheiben auszulegen, die er zuvor gegrillt hatte, und wünschte, er hätte die Anweisungen befolgt und die Auberginen längs geschnitten statt einfach in dicke Stücke, die jetzt matschig in der Mitte der großen Kasserolle saßen und irgendwie verloren wirkten wie ein Haufen Kuhdung.
    Er hatte sich nur deshalb für Moussaka entschieden, weil Melody sie vor einem Monat bei der letzten Dinnerparty in ihrem Haus serviert hatte und sie sehr gut angekommen zu sein schien. (Allerdings wollte er nicht über das eigentliche Dinner hinausdenken, weil danach irgendwie alles ausgeartet war.)
    Melody war eine weltgewandte, selbstbewusste junge Frau mit beeindruckender Oberweite, die Frasers Meinung nach ein paar merkwürdige Ideen hatte, die nicht zu ihrem Studentinnenstatus zu passen schienen, wie sich die Sonntagszeitungen in ihre Studentenbude liefern zu lassen und griechisch angehauchte Dinnerpartys zu geben, zu denen Kommilitoninnen aus ihrer juristischen Fakultät in Ballkleidern erschienen, nur um stockbetrunken von französischem Apfelwein zu werden.
    Aber Melody war andererseits auch nett und tüchtig, und in Momenten wie diesem war Fraser sehr froh, dass er mit jemandem zusammenlebte, der Kochbücher besaß. Doch als er nun seine Moussaka betrachtete und sie mit der auf dem Foto verglich, merkte er, dass er sich der Sache mit den »Schichten« nicht bewusst gewesen war. Diesem Teil hatte er keine Zeit gewidmet, und das war es, was ihn jetzt verwirrte. Viel zu viel zum Nachdenken für einen Mann, der trotz seiner Entschlossenheit um knapp sieben Uhr abends schon angetrunken war.
    Und mit neunzehn Jahren war Fraser Morgan »vielschichtig«, oder zumindest behauptete das seine Mutter (»so ein kompliziertes Kind, wir haben keine Ahnung, woher wir ihn eigentlich haben …«), und so erlebte er auch das Leben: Es kam in Wellenkämmen und -tälern, die er weder vorhersagen noch sehr erfolgreich kontrollieren konnte. An einem Tag allein konnte er von einem Moment intensiver Freude – wie diesen wenigen Sekunden zwischen dem Beenden eines Auftritts und dem Applaus; gab es einen schöneren Moment im Leben? – zu Anfällen von Schwermut wechseln. Dann zog er sich in sein Zimmer zurück, um auf seiner Gitarre zu klimpern und aufmerksam Gedichten zu lauschen oder vielleicht sogar welche zu schreiben. In solch melancholischen Momenten brachte er seine besten Arbeiten hervor.
    Er bezweifelte, dass er je wirklich »Glück« erfahren hatte, falls Glück die Art von blindem Selbstvertrauen war, die er bei seinen Kommilitonen im Philosophiekurs sah. Er hatte Philosophie gewählt, nicht weil er sie als Abiturfach gehabt hatte (das waren wissenschaftliche Fächer gewesen), sondern weil sie für ihn die Art von Fachgebiet war, mit dem man sich nur an der

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