Kleine Luegen erhalten die Liebe
Universität befassen konnte.
Er war der Erste aus seiner Familie, der zur Uni ging; die meisten seiner Freunde blieben in Bury, um ihre Abiturprüfung zu wiederholen oder Jobs als Klempner oder Fitnesstrainer anzutreten, doch er wollte etwas, das eindrucksvoll und intelligent klang, wenn er danach gefragt wurde. »Computerwissenschaft« brachte es nicht wirklich, aber Philosophie? Das war gut.
Fraser liebte seine Freunde daheim, doch manchmal sehnte er sich nach etwas mehr als dem Pub und hoffte, dass er dasbei seinen Philosophievorlesungen finden würde. Er stellte sich einen Saal voller cooler, interessanter Leute vor, die wahrscheinlich Schals trugen, mit Bergen alter Bücher unter dem Arm über den Campus wandelten und »Standpunkte« hatten. Fraser liebte Standpunkte und hielt sich selbst für relativ tiefgründig und einfühlsam. In Wirklichkeit schien Philosophie jedoch ein Kurs zu sein, der von Leuten belegt wurde, die ernst, aber auch Alphatypen waren. So kam er sich ein bisschen hilflos vor in den Vorlesungen und hatte Angst, sich zu beteiligen, weil er nichts Dummes sagen oder zu sehr wie aus dem Norden klingen wollte.
Diese Typen schienen instinktiv zu wissen, was sie vom Leben wollten. Frasers Wunsch war, Mitglied einer Band zu sein: Er sang, spielte Gitarre und stellte sich das erste Albumcover vor, auf dem er und Norm (der Drummer) und die beiden anderen Mitglieder der Fans (ein Akronym für die vier Mitglieder, Fraser, Andy, Norm und Si, was sie alle ziemlich clever fanden) in einem lachhaft altmodischen Wohnzimmer zu sehen wären und deprimiert und abgezehrt aussähen. Er war sich nur nicht sicher, ob Norm diesen Look im Augenblick zustande brächte.
Und das war’s auch schon. Er hatte keinen Plan B, keine anderen Pläne für sein Leben. Seine Kommilitonen dagegen schienen genau zu wissen, wohin sie gingen, während das Leben für Fraser ein sich ständig weiterentfaltendes Geheimnis war, das berauschend sein konnte, ihn jedoch auch nur allzu oft enttäuschte. Das lag daran, dass er noch nicht die Kunst entwickelt hatte, sich selbst glücklich zu machen, und noch immer schlechte, oft sogar katastrophale, auf Furcht basierende Entscheidungen traf, weil er keine besseren Ideen hatte. Die Moussaka war ein solches Beispiel. Was Mädchen anging, war es jedenfalls schon immer so gewesen.
Fraser sah gut aus; vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack mit seinem kantigen Gesicht, aber er war auf jeden Fall ein attraktiver Mann. Er war groß, hatte hübsches, dichtes Haar und »schöne, mandelförmige Augen«, wie viele Mädchen ihm gesagt hatten. Das war ein Kompliment, das er gern mit einer Handbewegung abtat, nur um heimzugehen und seine Augen aus verschiedenen Winkeln im Spiegel zu betrachten. Waren sie schön? Oder war das nur ein Klischee, das Mädchen anwandten, wenn sie betrunken und gefühlsselig waren, was seiner Erfahrung nach fast immer der Fall war?
Wie dem auch sei, Fraser mangelte es jedenfalls nie an weiblichem Interesse, an Mädchen, die sich an ihn heranmachten und ihm sagten, er sei witzig, »kompliziert«, und er habe schöne Augen.
Obwohl all diese Aufmerksamkeit ihn verwirrte, fühlte Fraser sich aber auch geschmeichelt und fand, dass es undankbar und sogar grob unhöflich wäre, ihre Angebote zurückzuweisen. In anderthalb Jahren an der Lancaster University war er mit einer von Melodys Studienkolleginnen an der juristischen Fakultät ausgegangen, Becca, die stinkvornehm und ein bisschen beängstigend gewesen war. Das Zusammensein mit ihr war wie eine Art Strapazierfähigkeitstest für den Charakter, und diese Herausforderung war für Fraser der reinste Nervenkitzel.
Nach Becca kam Steph, ein reizendes, cleveres und nachdenkliches Mädchen. Sie war in seinem eigenen Kurs und ganz so, wie Fraser sich eine Philosophiestudentin vorgestellt hatte: Steph trug Schals und eine Brille und saß sehr oft mit untergeschlagenen Beinen da. (Eigentlich störte ihn das am Ende sogar ziemlich. Ein Mann kann einer Frau schließlich nur eine gewisse Zeit zwischen die bestrumpften Beine starren, bevor er nichts Reizvolles mehr daran findet.)
Steph und er führten wirklich gute »Gespräche und Debatten«, die er echt interessant fand, über Ausbildung und die Kluft zwischen Arm und Reich, doch im Grunde hatte Steph keinen Sinn für Humor und wurde abweisend und spröde, wenn Fraser zu viel trank und sich dann auszog. Das war lediglich eine Angewohnheit von ihm; er wollte niemanden damit
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