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Königsklingen (First Law - Band 3)

Königsklingen (First Law - Band 3)

Titel: Königsklingen (First Law - Band 3) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Joe Abercrombie
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sich zusammengesunken, so ruhig und still im Dämmerlicht, dass West ihn beinahe übersehen hätte. »Ich komme gleich nach«, sagte er, als er vom Weg abbog. Das Gras, das von einem blassen Pelz aus Frost überzogen war, knirschte bei jedem Schritt leise unter seinen Füßen.
    »Nimm dir einen Stuhl.« Der Atem dampfte zart um Neunfingers verdüstertes Gesicht.
    West ließ sich neben ihm auf die kalte Erde sinken. »Bist du bereit?«
    »Schon zehn Mal habe ich so etwas getan. Kann nicht sagen, dass ich je bereit gewesen wäre. Weiß auch nicht, ob man sich überhaupt auf so was vorbereiten kann. Für mich ist es am besten, habe ich bisher festgestellt, wenn ich einfach da sitze, die Zeit vorüberkriechen lasse und versuche, mir nicht in die Hosen zu machen.«
    »Ich könnte mir vorstellen, dass es ziemlich peinlich wäre, mit nassem Schritt in den Ring zu treten.«
    »Joh. Ist aber trotzdem immer noch besser als ein gespaltener Kopf.«
    Das war zweifelsohne richtig. West hatte natürlich früher schon von diesen Zweikämpfen der Nordmänner gehört. In Angland flüsterten sich schon die Kinder blutrünstige Geschichten über diese Duelle zu. Aber er hatte kaum eine richtige Vorstellung davon, wie sie tatsächlich abliefen. »Wie geht diese Sache vor sich?«
    »Es wird ein Kreis markiert. An seinem Rand stellen sich Männer mit ihren Schilden auf, die Hälfte von der einen, die andere Hälfte von der anderen Seite, und sie sorgen dafür, dass niemand den Kreis verlässt, bevor die Sache nicht erledigt ist. Dann treten zwei Männer in den Kreis. Der, der nachher tot ist, hat verloren. Es sei denn, dass jemand es sich in den Kopf gesetzt hat, Gnade walten zu lassen. Glaub aber irgendwie nicht, dass das heute der Fall sein wird.«
    Auch das war nicht zu leugnen. »Und womit wirst du kämpfen?«
    »Jeder bringt eine Waffe mit. Das kann alles Mögliche sein. Dann wird ein Schild gedreht, und der Gewinner schnappt sich die Waffe, die er haben will.«
    »Das heißt, du könntest letztendlich mit dem kämpfen, was dein Gegner mitgebracht hat?«
    »Kann passieren. Schama Ohnherz habe ich mit seinem eigenen Schwert getötet, und ich wurde mit dem Speer aufgespießt, den ich selbst zum Kampf mit Harding Grimm mitbrachte.« Er rieb sich den Bauch, als ob ihn die Erinnerung an dieser Stelle schmerzte. »Aber es tut auch nicht mehr weh, wenn man mit dem eigenen Speer aufgeschlitzt wird statt mit dem von jemand anderem.«
    West legte sich nachdenklich die Hand auf den Bauch. »Nein.« Sie saßen noch ein Weilchen länger schweigend da.
    »Ich würde dich gern um einen Gefallen bitten.«
    »Nenne ihn.«
    »Würdest du mit deinen Freunden für mich den Schildwall bilden?«
    »Wir?« West blinzelte zu den Carls, die im Schatten der Mauer standen. Ihre großen runden Schilde sahen so schwer aus, dass sie wahrscheinlich kaum zu heben und noch schlechter zu gebrauchen waren. »Bist du sicher? Ich habe mein ganzes Leben lang noch nie so ein Ding in der Hand gehabt.«
    »Mag sein, aber du weißt, auf welcher Seite du stehst. Unter denen da sind verdammt wenige Leute, denen ich vertrauen kann. Die meisten versuchen sich immer noch einig zu werden, wen sie mehr hassen, mich oder Bethod. Da würde es reichen, wenn mir einer einen Schubs nach links gibt, wenn ich einen nach rechts brauche, oder mich fallen lässt, wenn ich gestützt werden muss. Und dann sind wir alle erledigt. Besonders ich.«
    West blies die Backen auf. »Wir werden tun, was wir können.«
    »Gut. Gut.«
    Das kalte Schweigen zog sich hin. Über den schwarzen Bergen und den schwarzen Bäumen ging der Mond allmählich unter und verblasste.
    »Sag mal, Wildzorn. Glaubst du, dass ein Mann für das, was er getan hat, bezahlen muss?«
    West hob ruckartig den Kopf, und der unsinnige und scheußliche Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass Neunfinger von Ardee sprach oder von Ladisla, oder von beiden. Auf alle Fälle schienen die Augen des Nordmanns in dem Halblicht anklagend zu leuchten – aber dann spürte West, dass die Welle der Angst wieder verebbte. Neunfinger sprach natürlich von sich selbst, wie es jeder tut, wenn er die Möglichkeit dazu bekommt. Schuldbewusstsein lag in seinen Augen, keine Anschuldigung.
    Jeder Mann hat seine eigenen Fehler, die ihm keine Ruhe lassen.
    »Vielleicht.« West räusperte sich; seine Kehle war trocken. »Manchmal. Ich weiß nicht. Wahrscheinlich haben wir alle mal Dinge getan, wie wir bedauern.«
    »Joh«, sagte Neunfinger.

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