Legenden der Traumzeit Roman
Kumali!«, keuchte sie. »Das Kind kommt.«
Eine Stunde verging, bis das Wimmern des Neugeborenen mit dem Rauch aufstieg und über den Baumwipfeln in den grauen Himmel schwebte. Duncan durchtrennte die Nabelschnur und band sie zu. Kumali wickelte das Kind in die Überreste von Rubys Unterrock und legte Ruby das kostbare Bündel in die Arme.
»Sie ist schön«, schluchzte Ruby, als sie die samtige Wange berührte und mit dem Finger durch das feuchte dunkelrote Haar fuhr. »Mein Gott, sie ist ein Wunder!«
»Ja, alle Babys sind Wunder, ob Lämmer oder Menschenkinder.« Duncan kam lächelnd zurück, nachdem er die Nachgeburt begraben hatte, hockte sich auf die Fersen und legte einen Arm um Kumalis Schultern. »Sie ist ein prächtiges kleines Mädchen. Hast du mit James über einen Namen für sie nachgedacht?«
Ruby schaute zu dem Schotten auf und wusste, sie konnte ihm nicht sagen, wie sehr James auf Abstand gegangen war, wie ablehnend er dem Gedanken gegenübergestanden hatte, so bald nach ihrer Ankunft hier ein Kind zu bekommen. Erst recht hatte er sich keinen Namen überlegt. Sie schaute wieder auf ihr kostbares Kind, sah dessen blaue Augen und traf eine Entscheidung.
»Ich werde sie Violet Nell Alice Tyler nennen«, sagte sie. »Violet nach ihren Augen, Nell und Alice im Gedenken an zwei vorbildliche Frauen. Ich hoffe, ihr Geist lebt in ihr fort – so wie in mir.« Sie schaute wieder auf Duncan und Kumali. »Ich danke euch beiden. Und jetzt würde ich gern nach Hause gehen, wenn ihr nichts dagegen habt.«
Über eine Woche lang hatte James Zäune auf einer weit entfernten Weide aufgestellt. Schließlich kehrte er zurück und entdeckte Ruby, die in ihrem Gemüsegarten grub, das Kind in einem Schal auf den Rücken gebunden. »Wann ist das denn passiert?«, fragte er mit Blick auf den Säugling.
»Vor fünf Tagen.«
»Es ist sehr klein«, sagte er nervös, als Ruby sie ihm in die Arme legte.
»Ihr Name ist Violet Nell Alice Tyler.« Ruby beobachtete, wie er ihr Kind verwundert ansah. Vielleicht würde er sich jetzt, nachdem es da war, für das Vatersein erwärmen.
»Ich hätte sie gern Gladys genannt, nach meiner Mutter«, sagte er und gab Ruby das Kind zurück, »aber anscheinend hast du mir die Entscheidung aus der Hand genommen.«
Ruby fand den Namen Gladys schrecklich – viel zu hässlich für so ein schönes Kind –, doch wenn James ihre Tochter überhaupt akzeptieren sollte, dann musste ein Kompromiss her. »Violet Gladys Nell Alice Tyler ist zwar ziemlich lang, aber warum nicht«, murmelte sie.
»Gladys Violet reicht«, knurrte er. James küsste sie auf die Stirn und packte seinen Hut. »Ich gehe mit Fergal feiern. In Five Mile Creek gibt es eine neue Kneipe, und die Vorräte sollten heute geliefert werden. Ich könnte einen Drink gebrauchen.«
»Aber du warst so lange weg, ich dachte …«
»Kleine Kinder sind Frauensache, Ruby. Du kannst mich nicht gebrauchen, ich würde dir nur im Weg stehen.«
Ruby stand auf der dunklen Erde ihres Gemüsegartens mit dem Kind im Arm und sah ihren Mann davonreiten. Sie bezweifelte, dass sie ihn vor Ende der Woche wiedersehen würde, denn die Kneipen im Busch waren berüchtigt für Saufgelage. Der Schmerz über seine herablassende Art, ihre Tochter zu begrüßen, nagte an ihr. Sie unterdrückte die aufsteigenden Tränen der Enttäuschung und schwor sich, stark zu bleiben.
»Komm, Violet. Wir machen hier weiter, und dann fangen wir mit der Wäsche an. Sieht aus, als hätte dein Papa andere Sachen im Kopf.«
Kernow House, Watsons Bay, einige Tage später
Oliver lehnte im finsteren Schlafzimmer an einem Berg aus Kissen. Er hatte keine weiteren Anfälle gehabt, doch er hatte noch nicht gesprochen und große Schwierigkeiten, seine rechten Gliedmaßen zu bewegen, was ihn offensichtlich einengte, denn trotz seiner Hilflosigkeit waren seine Augen wachsam, wenn er versuchte, sich mitzuteilen.
Harry saß neben dem Bett, hatte die Zeitung auf der Decke ausgebreitet und las Oliver interessante Ausschnitte vor. Die Krankenschwester schlief oben, nachdem sie die ganze Nacht amKrankenlager gesessen hatte. Lavinia hatte die Jungen mit auf einen Ausritt genommen, und Gertrude war an ihrem üblichen Platz an Olivers Seite und machte sich mit einem kühlen Tuch wichtig.
Die Tür ging auf, Amelia trat ein, blieb stehen und betrachtete die Szene. Sie war in der vergangenen Woche eine seltene Besucherin gewesen, da sie anscheinend nicht imstande war, den Anblick ihres
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