Letzter Mann im Turm - Roman
etwas
gutka
heraus und begann zu kauen.
Shanmugham konnte sehen, wie der Denkapparat seines Arbeitgebers, dessen Kiefer zu mahlen begann, darum rang, Sinn in die Angelegenheit zu bringen.
«Ich begreife es immer noch nicht. Du und der Makler – alles, was ihr zu tun hattet, war, den Lehrer festzuhalten, bis ich wieder da wäre.»
«Er wurde gewalttätig, Sir. Fragen Sie Giri. Er hat ihm das Tablett aus der Hand geschlagen und ist weggerannt.»
«Ich mag es nicht, einem anderen Mann die Schuld zuzuschieben, wenn man selbst einen Fehler gemacht hat», sagte Shah hastig kauend. «War eine völlige Zeitverschwendung, diesen Rektor aufzusuchen. Was macht der Mann? Begrüßt mich unterwürfig,sagt, welche Ehre, Sie zu treffen, Mister Bauherr, und bittet mich dann um Rat wegen einer Zweizimmerwohnung, die er in Seven Bungalows kaufen will. Wäre eine Wohnung in Four Bungalows eine bessere Investition? Wird Andheri Ost eine Aufwertung erfahren, wenn erst mal die S-Bahn dorthin fährt? Ich hätte zu Hause bleiben und diesem Vishram-Lehrer den Rest geben sollen. Mein Fehler.
Mein
Fehler.» Er biss sich auf die Unterlippe.
«Tut mir leid, Sir.»
«Sag nicht ‹es tut mir leid›, Shanmugham. Diese Floskel ist ohne Bedeutung. Hör mir zu: Jeder Wicht in Mumbai mit einem Handy und einem Motorroller hält sich für einen Bauunternehmer. Aber nicht einer von hundert wird es schaffen. Denn in dieser Welt gibt es eine feine Linie: Auf der einen Seite sind die Männer, die nichts geregelt bekommen, auf der anderen Seite diejenigen, die etwas zustande bringen. Und nicht einem von hundert wird es gelingen, diese Linie zu überschreiten. Wird es dir gelingen?»
«Ja, Sir.»
Shah spuckte auf den Strand.
«Wir sind bei diesem alten Lehrer in jeder Hinsicht im Rahmen geblieben. Wir haben ihn gefragt, was er von uns wollte, und ihm versprochen, es ihm zu geben.»
«Ja, Sir.»
«Und jetzt soll er herausfinden, was es heißt, in Mumbai gar nichts zu wollen.»
Shanmugham streckte seinem Arbeitgeber die Faust entgegen und öffnete sie. «Wird erledigt, Sir.»
Auf dem Rückweg blieb der Bauherr stehen, um das Pferd zu streicheln. Der Junge beachtete ihn nicht, flüsterte in das große rosafarbene Ohr.
«He, du», sagte Shah. «Nimm das.»
«Wofür ist das?» Der Junge rührte den Geldschein, den ihm der Fremde hinhielt, nicht an.
«Weil mir danach ist.»
Der Junge schüttelte den Kopf.
«Dann nimm es, weil du dein Pferd gut in Schuss hältst. Ich schaue mir gern schöne Dinge an.»
Da nahm der Junge den Hundertrupienschein.
«Woher kommst du, mein Junge?»
«Madhya Pradesh.»
«Seit wann bist du in Bombay?»
«Seit zwei Monaten. Drei.»
«Du solltest nicht die ganze Zeit mit diesem Pferd reden. Du solltest dich umsehen, die Menschen beobachten. Reiche Menschen. Erfolgreiche Menschen. Du solltest dich immer fragen, was hat er, was ich nicht habe. So kommst du vorwärts im Leben. Verstehst du?»
Shah streichelte die Flanke des Pferdes und ging.
Der Pferdejunge begutachtete immer noch den unerwarteten Geldsegen, als Shanmugham sich über ihn hermachte.
«Gib mir das», sagte er. Der Junge schüttelte den Kopf und presste sein Gesicht an den Pferdehals.
«Der Sahib hatte vor, dir einen Zehnrupienschein zu geben. Er verschenkt Geld, und dann überlegt er es sich anders; er wird jemanden herschicken und dich zur Polizei bringen lassen.»
Der Junge überlegte, fand die Geschichte glaubhaft und händigte das Geschenk aus. Shanmugham tauschte es gegen einen Zehnrupienschein und sprang dann die Felsen mit dem Schwung eines Mannes hoch, der soeben neunzig Rupien reicher geworden war.
Was willst du?
Auf dem Markt, der mitten durch Südmumbai geht, unter Banyanbäumen, auf dem Gehsteig und unter den Arkaden der neogotischen Gebäude, wo Lebensmittel, Raubdrucke, Parfums, Armbanduhren, Gebetsperlen und Software verkauft werden, wirdeine Frage immer wieder gestellt und an Touristen und Einheimische gerichtet, auf Hindi oder auf Englisch:
Was willst du?
Schlendert man den mit blauer Abdeckplane bedeckten Souk des Colaba Causeway hinab und geht an den Händlern zu Füßen der wundersamen Fantasietiere vorbei, die die Säulen des Parsentempels im Fort bilden, wird einen an jeder Ecke jemand fragen:
Was willst du?
Man kann alles bekommen, ob aus einheimischer oder ausländischer Produktion, Gegenstand oder Dienstleistung; wenn man kein Geld hat, hat man vielleicht etwas, das man eintauschen kann.
Allerdings müssen die Menschen
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