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Lillys Weg

Lillys Weg

Titel: Lillys Weg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Renate E. Daimler
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sie jedes Detail ihrer neuen Umgebung in sich auf. Als müsste sie ihr Gehirn mit ­unwichtigen Informationen füttern, damit die bedrohlichen Gedanken keinen Platz hatten.
    Sie registrierte den gemütlichen, halbrunden, turmartigen Vorbau mit dem Blechdach und dem Wappen in der Mitte des Hauses. Die weiße Möwe, die einsam über das Haus flog und nach einer Weile mit einer zweiten Möwe wiederkam. Lilly nahm es als Zeichen, dass Oskar und sie bald wieder vereint sein würden. Und je länger sie dasaß, umso sympathischer wurde ihr das rote Backsteingebäude: Du siehst aus wie eine gemütliche Großmutter mit einer Brosche, dachte Lilly und fragte sich, ob das ovale Wappen unterm Dachgiebel aus Stein gemeißelt war.
    Sie stand auf und spürte, wie durch ihre gute Verbindung zu diesem ehrwürdigen Haus ein kleiner Funken Zuversicht in ihr wuchs. „Alles wird gut“, sagte sie laut zu sich selber und ging ein paar Schritte nach links. Und dann sah sie ihn. Den doppelten Stacheldraht, der auf den Mauern des großen Hofes saß. Von den Rollen standen spitze Metallstäbe weg. Es erinnerte sie an die Berliner Mauer, an der so viele Menschen für ihre Freiheit gestorben waren.
    Hier würde niemand flüchten. Zwei Bewacher saßen in einem Glaskäfig, der an den alten Backsteinmauern in luftiger Höhe wie ein großes Vogelnest nachträglich festgemacht worden war, und verfolgten jede Bewegung im Hof.
    Lilly sah auf ihre Uhr. 13.30. Sie konnte die Wartezeit kaum mehr ertragen. Noch eine halbe Stunde, bis sie Oskar sehen durfte. Sie sah an sich herunter. Was trug eine Frau, wenn sie ihren Mann im Gefängnis besuchte? Die schmale, dunkelblaue Röhrenjeans mit passender Jacke, ein rotes, enges Top, ziemlich tief ausgeschnitten, und die roten Ballerinas waren für Oskar, den Geliebten, gedacht. Aber das pinkfarbene Kleid wäre definitiv noch unpassender gewesen. Würde sie sich jetzt eine körperferne Garderobe zulegen, damit ihre Reize nicht so sichtbar wären? Ein paar unauffällige Klamotten besaß sie noch aus der Fluchtzeit.
    Während sie überlegte, hypnotisierte sie gleichzeitig die graue Metalltür, an der „Besucher“ stand, als ob sie sich früher öffnen würde, wenn sie sich nur darauf konzentrierte. Als ihre Augen müde wurden, erweiterte sie ihr Bild, und sie sah zum ersten Mal den unteren Teil des Hauses, den sie bisher ausgeblendet hatte. Die zwei großen, abweisenden Stahltore waren wohl auch erst nachträglich eingebaut worden und wie auf Kommando öffnete sich eines davon und ein vergittertes Auto fuhr heraus. Sie sah durch die Glasscheibe in das graue Gesicht eines Gefangenen und spürte seine Angst. Oder war es ihre Angst?
    Kurz danach verließ eine elegante Frau mit blondem, hoch­gestecktem Haar und einer schwarzen Aktentasche in der Hand die Justizvollzugsanstalt. Sie sah entspannt und souverän aus. Der Mann, der weggebracht wurde, konnte nicht mit ihr verwandt sein. Als sie an Lilly vorbeiging, warf sie ihr einen neugierigen, freundlichen Blick zu. Es waren ihre karamellfarbenen Augen, die den Satz möglich machten, der eigentlich gegenüber einer Fremden unpassend war: „Arbeiten Sie hier oder haben Sie jemanden besucht?“
    Die Frau blieb überrascht stehen und erklärte sich: „Nein, ich bin Anwältin, der Mann, der wegfuhr, wird in seine Heimat überstellt. Und was machen Sie hier?“ Die Frage kam so direkt, dass Lilly die Fassung verlor und anfing zu weinen. Die Anwältin schien weinende Menschen gewöhnt zu sein. Sie legte ihr die Hand auf den Arm und sagte einfach nur: „Erzählen Sie!“
    Es wurde ein Gespräch zwischen gleichaltrigen Frauen, von der jede ihr Schicksal zu bewältigen hatte. Nachdem Lilly ihre Geschichte beendet hatte, fing Saskia an zu erzählen. Von einem Mann, dem sie aus ihrer schwedischen Heimat nach Kiel gefolgt war und der sie nach ein paar Jahren für eine andere verlassen hatte.
    Für einen Augenblick tauchte Sybille auf und Lilly versuchte sie gleich wieder wegzuschicken. Sie wollte nicht an diesen Verrat denken. Oskar war jetzt wieder ihr Mann. Die hässliche Stimme in ihrem Kopf meldete sich wieder: „Wenn du dich damals von ihm getrennt hättest, dann stünde jetzt Sybille hier und hätte diese Probleme.“ Lilly verjagte die Stimme und wandte sich wieder Saskia zu, die sie zum Abschied

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