Little Brother
eingelesen haben. Und das war alles falsch! Ach verdammt, die schnüffeln uns allen hinterher und sind dafür noch nicht mal kompetent genug!"
Während er sich so in Fahrt redete, war ich in die Küche verschwunden, und jetzt sah ich ihm von der Türschwelle aus zu. Mom begegnete meinem Blick, und wir hoben beide die Augenbrauen, wie um zu sagen "wer sagt ihm jetzt ,siehst du'?" Ich nickte ihr zu. Sie würde ihre ehefrauliche Macht nutzen können, seine Wut zu besänftigen, wie das mir als einer bloßen Nachwuchs-Einheit niemals möglich wäre.
"Drew", sagte sie und schnappte ihn am Arm, um ihn davon abzuhalten, weiter durch die Küche zu stratzen und mit den Armen zu wedeln wie ein Straßenprediger.
"Was?", schnappte er.
"Ich glaube, du schuldest Marcus eine Entschuldigung." Ihre Stimme war ganz ruhig dabei. Dad und ich sind die Durchgeknallten im Haushalt - Mom ist ein echter Fels in der Brandung.
Dad schaute mich an. Seine Augen wurden schmal, während er einen Moment lang nachdachte. "Okay", sagte er schließlich. "Du hast Recht. Was ich meinte, war kompetente Überwachung. Diese Typen waren die totalen Anfänger. Es tut mir Leid, mein Junge", sagte er. "Du hattest Recht. Es war lächerlich." Er streckte seine Hand aus und schüttelte meine, dann zog er mich plötzlich an sich und umarmte mich heftig.
"Oh Gott, was machen wir mit diesem Land, Marcus? Deine Generation hätte es verdient, etwas Besseres zu erben als das hier." Als er mich wieder los ließ, konnte ich die tiefen Furchen in seinem Gesicht sehen, Linien, die mir zuvor nie aufgefallen waren.
Ich ging zurück in mein Zimmer und spielte ein paar Xnet-Spiele. Es gab da eine gute Mehrspieler-Nummer, ein Uhrwerk-Piratenspiel, bei dem man jeden Tag ein paar Aufgaben lösen musste, um die Uhrfedern seiner ganzen Mannschaft neu aufzuziehen und wieder auf Raubzüge gehen zu können. Es war diese Sorte Spiel, die ich hasste, von der ich aber trotzdem nicht wegkam: Viele Aufgaben, die sich wiederholten und nicht sonderlich anspruchsvoll waren, ein paar Kämpfe Spieler gegen Spieler (Klingen kreuzen, um auszufechten, wer das Schiff kommandierte) und nicht gerade viele coole Rätsel zu lösen.
Hauptsächlich verursachte diese Sorte Spiel mir Heimweh nach Harajuku Fun Madness, dieser Kombination aus Rumrennen in der echten Welt, Online-Rätselaufgaben und Strategiesitzungen mit deinem Team.
Aber heute nacht war es genau das, was ich brauchte. Sinnlose Unterhaltung. Mein armer Dad.
Ich hatte ihm das angetan. Vorher war er zufrieden gewesen, zuversichtlich, dass seine Steuerdollars dafür ausgegeben wurden, ihn sicherer zu machen. Ich hatte diese Zuversicht zerstört. Natürlich war es eine falsche Zuversicht, aber es hatte ihn aufrecht erhalten. So wie ich ihn nun sah, am Boden zerstört, fragte ich mich, ob es wohl besser sei, klarsichtig und ohne Hoffnung zu leben oder in einem Paradies der Einfältigen. Diese Scham - dieselbe Scham, die ich seit dem Moment empfunden hatte, als ich meine Passwörter preisgab, als sie mich gebrochen hatten - kehrte zurück, machte mich träge und ließ mich wünschen, nur weit weg von mir selbst zu sein.
Mein Spielcharakter war ein Matrose auf dem Piratenschiff "Zombie Charger", und er war abgelaufen, während ich offline war. Ich musste alle anderen Spieler auf dem Schiff anbeamen, um einen zu finden, der bereit war, mich wieder aufzuziehen. Das beschäftigte mich. Ich mochte es sogar. Es hat was Magisches, wenn ein völlig Fremder dir einen Gefallen tut. Und weil es das Xnet war, wusste ich, dass alle Fremden hier in gewissem Sinne Freunde waren.
> Woher kommste?
Der Charakter, der mich aufzog, hieß Lizanator, und er war weiblich, obwohl das nicht bedeuten musste, dass eine Frau dahintersteckte. Kerle hatten manchmal eine bizarre Neigung dazu, weibliche Charaktere zu spielen.
> San Francisco
sagte ich
> Nein, Idiot, wo in San Fran?
> Warum, biste pervers?
Das war normalerweise das Ende so einer Konversation. Natürlich war jede Spiele-Site voll von Pädos und Pervis sowie von Bullen, die hier als Köder für die Pädos und Perversen unterwegs waren (obwohl ich hoffte, dass es im Xnet keine Bullen gab!) So eine Anschuldigung war in neunzig Prozent aller Fälle genug für nen Themenwechsel.
> Mission? Potrero Hill? Noe? East Bay?
> Zieh mich bloß auf, ja?
Sie hörte auf, mich aufzuziehen.
> Hast Angst?
> Ne, wieso?
> Nur ne Frage
Ich hatte kein gutes Gefühl mit ihr. Sie war offensichtlich mehr als bloß
Weitere Kostenlose Bücher