Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Lux perpetua

Titel: Lux perpetua Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: dtv
Vom Netzwerk:
kann das wissen?«
     
    Otto Beess’ Vertrauen in das Handelshaus der Fugger war keineswegs grenzenlos, den Brief des Kanonikus schützte nämlich nicht
     nur allein das Siegel. Sein Inhalt war so geschickt abgefasst, dass er einer unbeteiligten Person nicht viel sagte. Es gab
     in diesem Brief nichts, was einen Beweis hätte liefern oder in irgendeiner Form hätte genutzt werden können, um dem Absender
     zu schaden. Oder dem Empfänger. Selbst Reynevan, der ja den Kanonikus gut kannte, benötigte zur Entschlüsselung des Codes
     etwas Zeit.
    »Kennst du vielleicht in Breslau eine Schenke oder eine Wirtschaft«, fragte er, ohne den Kopf zu heben, »die einen Fisch im
     Namen trägt? Achilles?«
    »In Breslau gibt es Hunderte von Schenken.« Achilles Czibulka unterbrach sich beim Zählen der zu kleinen Stapeln aufgeschichtetenGeldstücke. »Einen Fisch, sagst du? Lass mich mal nachdenken
. . .
Da ist die Schenke ›Zum Hecht‹ in der Groschengasse, der ›Blaue Karpfen‹ in der Neustadt
. . .
Den würde ich nicht empfehlen. Das Essen ist schlecht, und man kann ganz leicht eins auf die Nase kriegen
. . .
Na, und da ist dann noch das ›Goldfischlein‹
. . .
Hinter der Oder, auf dem Elbing
. . .
«
    »Nicht weit vom Leprosorium und der Kirche der Elftausend Jungfrauen«, dechiffrierte Reynevan, immer noch über den Brief gebeugt.
» Locus virginis
, aha! Alles klar. Das ›Goldfischlein‹, sagst du? Ich muss dorthin. Und zwar noch heute. Nach der Vesper.«
    »Der Elbing nach der Vesper? Ich rate dir ganz entschieden davon ab.«
    »Ich muss aber.«
    »Wir müssen.« Der
unguentarius
streckte sich, dass seine Ellenbogengelenke knackten. »Wir zwei müssen. Wenn du allein gehst, kommst du vielleicht nicht einmal
     dort an. Ob wir heil dort wieder wegkommen, ist eine ganz anderes Thema. Aber wir gehen zusammen.«
    »Zuerst aber«, er warf einen Blick auf die Geldstapel, »müssen wir das Bargeld in Sicherheit bringen. Großzügig hat man dich
     bedacht, wirklich großzügig, bei meinem Leben. Wenn man den Preis für das Amulett abzieht, beträgt deine Barschaft einhundertdreiundneunzig
     rheinische Gulden. Hast du jemanden entführt, oder was? Das ist ja ein richtiges Lösegeld.«
     
    Das schwache Licht der brennenden Laterne enthüllte, dass es drei Angreifer waren. Sie hatten Säcke mit ausgebrannten Öffnungen
     über dem Kopf. Einer, ein wahrer Riese, war an die sieben Fuß hoch, der Zweite war auch hochgewachsen, aber dünn, mit langen
     Affenarmen. Der Dritte verbarg sich im Dunkel.
    Pater Felician, der fast an dem Knebel erstickte, hegte keinerlei Illusionen. Mit seinem Herumspionieren und Denunzierenhatte er vielen Leuten geschadet, eine ganze Menge von Leuten hatte allen Grund, ihn zu überfallen, zu entführen und sich
     zu rächen. Eine grausame, sadistische Rache, die durchaus im richtigen Verhältnis zu den durch die Denunziationen erlittenen
     Schäden stand. Pater Felician war sich darüber im Klaren, dass seine Angreifer nun diverse schreckliche Dinge mit ihm tun
     würden. Die etwas abseits gelegene Scheune, in die man ihn geschleift hatte, würde sich hervorragend dafür eignen.
    Der Dechant machte sich weder Illusionen noch Hoffnungen. Und sah keinen anderen Ausweg, als sich auf dies verrückte Hasardspiel
     einzulassen. Obwohl seine Hände gefesselt waren, schnellte er wie eine Sprungfeder hoch, senkte den Kopf wie ein Stier und
     rannte Richtung Tor.
    Natürlich hatte er keine Chance. Einer seiner Entführer erwischte ihn mit eiserner Hand am Kragen. Der andere schlug ihm mit
     voller Wucht ins Kreuz. Mit etwas, das hart wie Eisen war. Der Schlag war so heftig, dass er Pater Felician den Atem und die
     Kraft in den Beinen raubte, so blitzschnell und so überraschend, dass es ihm eine Sekunde lang schien, als wirbelte er durch
     die Luft. Er stürzte zu Boden, leicht wie ein Sack Werg.
    Das Licht der Laterne kam näher. Der erstarrte Dechant erblickte unter Tränen den dritten Angreifer. Dieser war nicht maskiert.
     Er hatte ein durchschnittliches, unbedeutendes Gesicht. Ein völlig unbedeutendes. In der Hand hielt er eine lange, dicke,
     lederne Geißel. Die Geißel war sichtlich schwer und klirrte metallisch. Pater Felician hörte das Klirren, als der Angreifer
     ihm die Geißel vors Gesicht hielt.
    »Das, womit du eben Dresche bezogen hast«, die Stimme des Angreifers kam ihm bekannt vor, »ist zwanzig rheinische Gulden wert.
     Du kannst noch etliche Male Dresche in der Höhe dieses Betrages

Weitere Kostenlose Bücher