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Marco Polo der Besessene 2

Marco Polo der Besessene 2

Titel: Marco Polo der Besessene 2 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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gefühlsgeladene Erinnerung wie eine Trinkschale oder eine Festtrommel daraus zu fertigen. Vielleicht stieß später in einem fernen Jahrhundert einmal ein Bauer der Yi, wenn er sein Feld bestellte, mit seinem Grabstock auf ein Teil einer der in der Tiefe begrabenen Leichen, doch bis dahin…
    Mir ging auf, daß von all den Männern und Frauen, die so gehetzt hin-und hergelaufen waren, und von denen, die rührend im Fluß Zuflucht gesucht hatten, und von denjenigen, die bereits verwundet gewesen waren, nur diejenigen vom Glück begünstigt genannt werden konnten, denen bereits das Bewußtsein geschwunden war oder die bereits völlig tot waren. Doch das waren im Verhältnis nur wenige gewesen. Die anderen hatten zumindest einen furchtbaren letzten Augenblick durchleben müssen, wo sie wußten, daß sie im Begriff standen, zertreten und zermalmt zu werden wie Insekten oder - noch schlimmer lebendig begraben. Vielleicht war der eine oder andere von ihnen sogar noch am Leben, hatte sich nichts gebrochen und lag nur irgendwo unten im Dunkel eingeschlossen in engen, gewundenen kleinen Höhlen oder Gräben oder Lufttaschen, die so lange weiterexistieren würden, bis das gewaltige Gewicht der Erde und Felsen und des Gerölls aufgehört hatte, sich zu bewegen und an seinem neuen Platz zur Ruhe kam.
    Gewiß dauerte es einige Zeit, ehe das Tal sich all diesen Veränderungen angepaßt hatte. Das erkannte ich daran, daß noch während ich umhertastete und in der staubgeladenen Luft niesen mußte -ich plötzlich in schlammigem Wasser umherpatschte, das zuvor nicht dagewesen war. Der Jin-sha-Fluß wühlte sich tastend an der Barriere entlang, die sich seinem Lauf so plötzlich entgegengestellt hatte. Er mußte sich seitlich von dem einen Weg bahnen, was früher seine Ufer gewesen waren. Offensichtlich war ich nach Osten, auf das linke Ufer geraten. Da ich jedoch keine Lust hatte, noch tiefer in das sich sammelnde Wasser hineinzugeraten, wandte ich mich nach rechts und ging mit Stiefeln, die in dem neuentstandenen Schlamm abwechselnd schmatzten und schlidderten, mich den anderen wieder anzuschließen. Als im Dunkel eine menschliche Gestalt vor mir auftauchte, rief ich sie auf mongolisch an, was sich fast als tödlicher Fehler erwiesen hätte.
    Ich hatte nie Gelegenheit, mich danach zu erkundigen, wie er die Katastrophe überlebt hatte -ob er einer von denen gewesen war, die das Tal der Länge nach entlanggelaufen waren, statt hin und her zu wogen, oder ob die Lawine ihn ganz einfach und unerklärlich in die Höhe gehoben hatte, statt ihn zu zermalmen. Vielleicht wäre er nicht einmal imstande gewesen, es mir zu sagen, weil er selbst nicht wußte, warum er verschont worden war. Offenbar gibt es auch bei der schlimmsten Katastrophe immer noch ein paar, die mit dem Leben davonkommen -wer weiß, vielleicht überleben einige sogar das Armageddon; in diesem bestimmten Fall sollten wir entdecken, daß von den hunderttausend etwa vier Dutzend davongekommen waren, die Hälfte Yi und die Hälfte von diesen völlig unversehrt und auf den Beinen -und mindestens zwei davon immer noch bewaffnet und wutschäumend, daß sie augenblicklich Rache nehmen wollten -, und ich, ausgerechnet ich besaß das Unglück, auf einen von ihnen zu stoßen.
    Möglich, daß er meinte, der einzige lebendige Yi im ganzen Tal zu sein, und vielleicht erschrak er sogar, plötzlich in dem dichten Staub einer anderen menschlichen Gestalt zu begegnen; doch als ich ihn auf mongolisch ansprach, begab ich mich eines Vorteils. Während ich keine Ahnung hatte, wer er war, wußte er sofort, daß ich ein Feind war -einer also, der gerade sein Heer und seine Waffengefährten, vielleicht nahe Freunde, Brüder sogar, hinweggefegt hatte. Mit dem Instinkt einer gereizten Hornisse stieß er mit dem Schwert zu. Wäre nicht der Schlamm gewesen, in dem ich stand, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Bewußt hätte ich einem so plötzlichen Stoß nicht ausweichen können, doch daß ich unwillkürlich zusammenzuckte, bewirkte, daß ich im Schlamm ausrutschte; ich fiel, als das Schwert wisch! genau dort heruntersauste, wo ich eben noch gestanden hatte.
    Ich wußte immer noch nicht, wer oder was mich angegriffen hatte -eines jedoch schoß mir durch den Kopf: »Erwartet mich, wenn Ihr mich am wenigsten erwartet« - doch der Angriff galt unmißverständlich mir. Ich rollte mich herum und griff nach der einzigen Waffe, die ich trug, meinem Dolch, und versuchte aufzustehen, kam jedoch bloß

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