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Marco Polo der Besessene 2

Marco Polo der Besessene 2

Titel: Marco Polo der Besessene 2 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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bis auf ein Knie, als er wieder über mich herfiel. Beide waren wir immer noch nichts weiter als verschwommene Gestalten im Staub, und seine Füße waren auf dem schlüpfrigen Grund nicht sicherer als die meinen; so kam es, daß auch sein zweiter Hieb mich verfehlte. Freilich brachte dieser ihn so nahe an mich heran, daß ich mit dem Dolch zustoßen konnte, doch verfehlte ich ihn, als ich wieder ausrutschte.
    Ein Wort zum Kampf Mann gegen Mann. Ich hatte zuvor in Khanbalik die überaus eindrucksvolle Karte des Kriegsministers mit ihren kleinen Wimpeln und den yak-Schwänzen gesehen, die den Standort der Heere markierten. Zu anderer Zeit hatte ich hohe Offiziere dabei beobachtet, wie sie Schlachtpläne entwickelten, wobei sie sich der Hilfe einer Tischplatte und bunter Klötzchen bedienten. Sieht man solche Übungen, nimmt sich eine Schlacht fein säuberlich aus und für einen abseits stehenden Offizier oder Beobachter in ihrem Ausgang sogar vorhersehbar. Daheim in Venedig hatte ich Bilder und Wandteppiche gesehen, auf denen berühmte venezianische Siege zu Wasser und zu Lande -hier drüben unsere Flotte oder Kavallerie, dort drüben ihre, wobei die Kämpfenden einander stets Aug' in Auge gegenüberstanden und Pfeile losschwirren ließen und mit Lanzen genau und mit Zuversicht, ja, sogar mit einem gewissen Gleichmut zielten. Wer solche Bilder betrachtet, könnte meinen, eine Schlacht sei etwas so Geordnetes und Säuberliches und Methodisches wie eine Schachpartie.
    Ich bezweifle, daß auch nur eine einzige Schlacht sich jemals so abgespielt hat; und ich weiß, daß das bei Nahkämpfen Mann gegen Mann einfach nicht möglich ist. So ein Kampf ist ein wirbelndes, verzweifeltes, ungeordnetes Durcheinander, für gewöhnlich auf scheußlichem Gelände und bei noch scheußlicherem Wetter, ein Mann gegen den anderen, die beide in ihrer Wut und ihrer Angst alles vergessen haben, was man ihnen jemals über das Kämpfen beigebracht hatte. Ich nehme an, jeder Mann hat einmal die Regeln von Schwertkampf und Dolchstechen gelernt: Tu dies oder jenes, um den Angriff deines Gegners abzuwehren, führe folgende Bewegung aus, um ihn zu überlisten, führe diese oder jene Finte aus, um seine Schwächen in der Verteidigung und die Blößen in seiner Rüstung aufzudecken. All diese Regeln mögen zutreffen, wenn zwei Meister einander in einer gara di scherma Zeh an Zeh gegenüberstehen oder zwei Duellanten einander höflich auf einer schönen Wiese ins Auge blicken. Ganz anders jedoch sieht es aus, wenn man selbst und der Gegner von einer Staubwolke eingehüllt werden und man Mühe hat, sich auf schlüpfrigem Boden auf den Beinen zu halten, man völlig verdreckt und verschwitzt ist, einem die Augen brennen und tränen und man kaum etwas sieht.
    Ich will nicht versuchen, unseren Kampf Zug um Zug zu beschreiben. In welcher Folge genau sich die Bewegungen abspielten, weiß ich nicht mehr. Das einzige, was ich weiß, ist, daß wir lange keuchten und grunzten, uns duckten und verzweifelt zuschlugen -eine sehr lange Zeit, wie mir schien -, da ich versuchte, nahe genug an ihn heranzukommen, um ihn mit meinem Dolch zu treffen, und er bemüht war, genügend Zwischenraum zwischen uns zu halten, um mit dem Schwert richtig ausholen zu können. Beide trugen wir eine Lederrüstung, allerdings verschiedene, und jeder hatte in einigem Vorteile gegenüber dem anderen. Mein Koller bestand aus schmiegsamem Leder, das mir die Freiheit gab, mich unbehindert zu bewegen und seinen Schlägen auszuweichen. Der seine bestand aus einem so harten Kochleder, daß es ihn umschloß wie ein Faß; es behinderte ihn in seiner Beweglichkeit, bildete jedoch einen wirksamen Schutz gegen meinen kurzen Dolch mit der breiten Klinge. Als es mir schließlich mehr durch Zufall als durch Geschicklichkeit gelang, einen Stoß auf seiner Brust zu landen und die Klinge eindrang, erkannte ich, daß ich nun zwar den Koller durchdrungen hatte, der Dolch jedoch festgeklemmt war und ich meinem Gegner nur eine oberflächliche Wunde hatte beibringen können. Infolgedessen war ich ihm in diesem Augenblick auf Gnade und Ungnade ausgeliefert; mein Dolch stak in seinem Lederkoller, ich wollte den Griff nicht loslassen, um ihn mit seinem Schwert nicht ausholen zu lassen.
    Er nutzte die Gunst des Augenblicks, höhnisch und triumphierend aufzulachen, ehe er zuschlug, und das wiederum war sein Fehler. Bei meinem Dolch handelte es sich um jene Waffe, die mir einst von einem Rom-Mädchen geschenkt worden

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