Marco Polo der Besessene 2
frischzertrümmertem Felsgestein. Es waren gerade noch genug Laubbäume auf den Bergen übriggeblieben, daß sie aussahen wie ältere Frauen, denen man die Kleider vom Leib gerissen und Gewalt angetan hatte und die jetzt die Reste ihrer Unterwäsche an sich drückten. Unten im Tal suchten sich noch ein paar Überlebende den Weg durch die letzten Dunstschleier, über das Geröll und den Schutt und Baumäste und -wurzeln hinweg. Vermutlich hatten sie uns, die wir am einen Ende des Tales standen, erspäht, und kamen offensichtlich zu dem Schluß, daß dies der Ort sei, sich zu versammeln.
Den Rest des Tages kamen sie in kleinen Gruppen immer wieder voller Mühsal herangewankt. Die meisten waren, wie schon gesagt, Bho und Yi, die -ohne zu wissen, wie -der Vernichtung entkommen waren -manche verwundet, andere verkrüppelt und manche völlig unversehrt. Die meisten Yi, auch diejenigen, denen kein Haar gekrümmt worden war, hatten jeden Kampfeswillen verloren und kamen mit der Resignation von Kriegsgefangenen herzu. Ein paar von ihnen hätten wutschäumend und schwertschwingend auf uns zustürmen können, so wie zwei ihrer Kameraden es tatsächlich getan hatten, doch kamen sie im Gewahrsam von Mongolenkriegern, die sie unterwegs entwaffnet hatten. Bei den Mongolen handelte es sich um die Freiwilligen, welche das Pseudoheer als Nachhut und als musizierende Vorausabteilung begleitet, das heißt, Spitze und Ende des Heerbanns gebildet, vor allem aber von unseren Plänen gewußt hatten. So hatten sie die besten Chancen gehabt davonzukommen, als die Lawinen herniederrauschten. Wiewohl es nur ein Dutzend oder zwei waren, jubelten diese Leute über den Erfolg, der unserer List beschieden gewesen war -und vielleicht noch mehr darüber, selbst mit heiler Haut davongekommen zu sein.
Noch mehr zu beglückwünschen waren die mongolischen Waffenmeister -und ich ließ es mir besonders angelegen sein, jeden einzelnen kameradschaftlich in die Arme zu schließen. Siewaren die letzten Überlebenden, die zu uns stießen, denn sie hatten ja den ganzen Weg von den verwüsteten Bergen herunter machen müssen. Bei ihrem Eintreffen sah man ihnen den berechtigten Stolz darauf an, was sie geleistet hatten, machten zum Teil aber gleichwohl immer noch einen völlig benommenen Eindruck, denn einige von ihnen hatten in großer Nähe gestanden, als die Ladungen losgegangen waren, andere jedoch waren nur vom heiligen Schrecken darüber erfüllt, was sie damit ins Rollen gebracht hatten. Ich jedoch ließ es mir nicht nehmen, jedem einzelnen von ihnen zu versichern: »Ich hätte die Kugeln selber nicht besser anbringen können!« und dann seinen Namen aufzuschreiben, um persönlich beim Khakhan sein Loblied zu singen. Freilich muß ich auch sagen, daß ich nur elf Namen zusammenbekam. Zwölf Männer waren in die Berge hinaufgestiegen, und zwölf Kugeln hatten bewirkt, was sie hatten bewirken sollen; doch sollten wir nie erfahren, was mit dem Mann geschehen war, der nicht zurückkehrte.
Mitten in der Nacht kam Hauptmann Toba zurück, und zwar in Begleitung der Spitzen des echten Mongolenheeres. Ich jedoch war um diese Stunde immer noch wach und freute mich, sie zu sehen. Etliches von dem Blut, mit dem ich bedeckt war, war mein eigenes, und manches floß auch noch, denn ich war nicht völlig unversehrt aus meinem ganz persönlichen Treffen mit dem Yi hervorgegangen. Dieser Krieger hatte mir ein paar Schnittwunden an den Händen und am Unterarm beigebracht, was mir zuerst gar nicht aufgefallen war, jetzt aber doch ziemlich schmerzte. Das erste, was die Truppen bei ihrem Eintreffen taten, war ein kleines yurtu für die Verwundeten aufzubauen, und Bayan sorgte dafür, daß ich als erster von dem shamàn-Priester-Zauberer-Heilkundigen verarztet wurde.
Sie reinigten meine Schnittwunden und bestrichen sie mit Pflanzensalbe; dann legten sie mir einen Verband an, und das hätte mir genügt. Dann jedoch nötigten sie mich, an irgendeiner Zauberei mitzuwirken, um herauszufinden, ob ich auch irgendwelche inneren, nicht sichtbaren Wunden davongetragen hätte. Der Ober-shamàn stellte ein Bündel getrockneter Kräuter aufrecht vor mich hin, das er chutgur oder »Fieber-Dämon« nannte, und las laut aus einem Buch der Beschwörung vor,während alle anderen Ärzte mit kleinen Glöckchen und Trommeln und Trompeten aus Widderhörnern einen höllischen Lärm vollführten. Dann warf der Ober-shamàn den Schulterknochen eines Schafs in das in der Mitte des Zeltes stehende
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