Marco Polo der Besessene 2
entfernt -entweder dorthin zurück oder übernachtete auch in der zhu-gan-yurtu, denn diese wies reichlich Raum auf und war mit vielen bequemen Schlafgelegenhe iten ausgestattet.
Ich und Ali sowie unsere vier mongolischen Begleiter trafen an einem hellen Vormittag in Xan-du ein, erfuhren von dem Verwalter, wo die tragbare Pracht-yurtu des Khakhan zu finden wäre, und langten dort um die Mittagsstunde an, als die Gesellschaft gerade beim Essen saß. Etliche Leute, darunter Kubilai, erkannten mich und begrüßten mich. Ich stellte Ali Babar vor als »einen Bürger von Khanbalik, Sire, einer Eurer reichen Handelsfürsten«, woraufhin Kubilai ihn herzlich willkommen hieß, hatte er Ali doch nicht in meiner Gesellschaft erlebt, da dieser noch mein niedriger Sklave Nasenloch gewesen war. Dann schickte ich mich an zu sagen: »Ich bringe frohe und traurige Kunde aus Yun-nan, Sire…« woraufhin er die Hand hob, damit ich nicht weiterredete.
»Nichts«, sagte er fest, »nichts ist so wichtig, als daß eine gute Jagd damit unterbrochen werden dürfte. Behaltet das, was Ihr zu sagen habt, für Euch, bis wir heute abend in den Palast von Xandu zurückkehren. So -und habt Ihr keinen Hunger?« Er klatschte in die Hände, um einen Diener zu beauftragen, mir Speisen und Getränke zu bringen. »Seid Ihr müde? Möchtet Ihr lieber vorausreiten zum Palast und Euch ausruhen, solange Ihr wartet, oder möchtet Ihr eine Saufeder nehmen und an dieser Jagd teilnehmen? Wir haben mit ein paar herrlich großen und tückischen Wildebern angefangen.«
»Vielen Dank, Sire. Ich würde gern an der Jagd teilnehmen. Allerdings habe ich kaum Erfahrung mit Saufedern. Läßt sich ein Wildeber nicht auch mit Pfeil und Bogen erlegen?«
»Alles und jedes läßt sich mit allem und jedem erlegen, wenn's sein muß sogar mit der bloßen Hand. Und die müßt Ihr vielleicht einsetzen, um so einem Eber den Gnadenstoß zu versetzen.« Er drehte sich um und rief: »Hui! Mahawat, mach einen Elefanten für Marco Polo fertig!«
Es war mein erster Elefantenritt, und ich empfand ihn als überaus angenehm, jedenfalls unendlich angenehmer als auf einem Kamel zu reiten und grundverschieden vom Ritt auf einem Pferd. Die hauda war gearbeitet wie ein riesiger Korb aus zhu-gan-Rohr und mit einer kleinen Bank ausgestattet, auf der ich neben dem Elefantentreiber saß, der als mahawat bezeichnet wird. Die hauda wies hohe Brüstungen auf, die uns vor zurückschnellenden Baumzweigen schützen sollte, und war mit einem Baldachin ausgestattet; vorn jedoch war sie offen, so daß der mahawat den Elefanten mit Hilfe eines Stachelsteckens lenken und ich meine Pfeile abschießen konnte. Anfangs war mir ein wenig schwindlig von der ungewöhnten Höhe, in der ich plötzlich thronte, doch daran gewöhnte ich mich rasch. Als das Tier die ersten Schritte durch das Revier machte, war mir nicht sofort klar, daß es eine schnellere Gangart hatte als ein Pferd oder ein Kamel. Auch als es schließlich hinter dem flüchtenden Eber herhetzte, brauchte ich eine Weile, um zu erkennen, daß der Elefant bei seiner überwältigenden Körperfülle so schnell lief wie ein galoppierendes Pferd.
Der mahawat war von großem Stolz auf seine mächtigen Schützlinge erfüllt und rühmte sie über die Maßen; ich jedoch fand seine Prahlerei äußerst aufschlußreich. Nur Elefantenkühe, sagte er mir, würden als Arbeitstiere eingesetzt. Da die Bullen sich nicht so leicht zähmen ließen, hielt man davon nur wenige als Gefährten für die Kühe in einer Herde. Sämtliche Elefanten trugen Glocken, mächtige holzgeschnitzte Apparate, die einen dumpf und hohl klingenden Ton von sich gaben, statt zu klingeln wie Metallglocken. Der mahawat sagte mir, wenn ich jemals das Dröhnen einer Metallglocke hörte, täte ich gut daran, die Beine in die Hand zu nehmen, denn Metallglocken trügen nur Elefanten, die sich irgendwelcher Vergehen schuldig gemacht hätten und denen jetzt nicht mehr zu trauen sei -mit anderen Worten jenen Elefanten, die am meisten den Menschen ähnelten: für gewöhnlich einer Kuh, die -wie eine Menschenmutter -durch den Verlust eines Kalbes den Verstand verloren hätte, oder einen Bullen, der mit zunehmendem Alter mürrisch, tückisch und leicht erregbar geworden war wie nur je ein alter Mann.
Elefanten, sagte der mahawat, seien klüger als Hunde und gehorsamer als Pferde -und mit Stoßzähnen und Rüssel behender als ein Affe mit seinen Händen; man könne ihm eine Unmenge von nützlichen wie
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