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Mein Frankreich (suhrkamp taschenbuch) (German Edition)

Mein Frankreich (suhrkamp taschenbuch) (German Edition)

Titel: Mein Frankreich (suhrkamp taschenbuch) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Peter Sloterdijk
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hängen, er habe die Radikalisierung der Revolution und ihre Entartung in den Gesinnungsterror mit auf dem Gewissen, weil er durch seine törichte Flucht im Juni 1791 den Beweis lieferte, wie wenig er die Unumgänglichkeit des Übergangs von der absoluten zur konstitutionellen Monarchie begriffen hatte. Sein Verhalten war schuld daran, daß die unvordenkliche Liaison von König und Volk ihre bindende Kraft verlor. Als König, der vor seinem Volk floh, hatte er nicht nur sein Amtscharisma verspielt, sondern auch die persönliche Anhänglichkeit der Massen an den Mann auf dem Thron leichtfertig zerrüttet. Bis zuletzt vermochte er nicht einzusehen, wie man anders als von Gottes Gnaden König sein könnte. Weder sah er die plebiszitäre Monarchie der beiden usurpatorischen Kaiser noch die präsidiale Monarchie Louis Philippes voraus. Einer möglichen Änderung seiner ererbten Ansichten kam der Tod unter der Guillotine zuvor.
    In seiner Ahnungslosigkeit hinsichtlich des Kommenden war Ludwig XVI . der durchschnittliche Vertreter der europäischen Eliten. Als die Revolution geschehen war, waren alle von ihrer Fatalität überwältigt. Bevor sie begann, ahnte niemand, was kommen würde. Tocqueville: »Nichts ist geeigneter, Philosophen und Staatsmänner zu Bescheidenheit zu mahnen, als die Geschichte unserer Revolution, denn niemals gab es ein größeres, ein länger und besser vorbereitetes und trotzdem weniger vorhergesehenes Ereignis.«

Jules Verne und Hegel
    Was globalisierter Verkehr bedeutet und leistet, hat kaum jemand treffsicherer und unterhaltsamer zu veranschaulichen gewußt als Jules Verne in seinem satirisch getönten Erfolgsroman Le Tour du Monde en Quatre-Vingts Jours aus dem Jahr 1874. Das Buch bietet, in seiner galoppierenden Oberflächlichkeit, eine Momentaufnahme aus dem Prozeß der Moderne als Verkehrsprojekt. Es illustriert die quasi-geschichtsphilosophische These, es sei der Sinn moderner Verhältnisse, den Verkehr im Weltmaßstab zu trivialisieren. Nur in einem globalisierten Ortsraum lassen sich die neuen Mobilitätsbedürfnisse organisieren, die den Personentransport ebenso wie den Warenverkehr auf die Basis von ruhigen Routinen stellen wollen. Verkehr ist der Inbegriff reversibler Bewegungen. Sobald diese auch auf Langstrecken zu einer zuverlässigen Institution ausgebaut sind, wird es schließlich gleichgültig, in welche Richtung eine Weltumrundung unternommen wird. Es sind äußere Zufälle, die den Helden von Jules Vernes Roman, den Engländer Phileas Fogg, Esquire, und seinen beklagenswerten französischen Diener, Passepartout, dazu bewegen, die Fahrt um die Erde in achtzig Tagen auf der Ostroute zu bewältigen. Es steckt dahinter zunächst nicht mehr als eine Zeitungsmeldung, die besagte, der indische Subkontinent sei durch die Eröffnung des letzten Teilstücks der Great Indian Peninsular Railway zwischen Rothal und Allahabad in bloß drei Tagen durchquerbar geworden. Daraus konstruierte ein Journalist einer Londoner Tageszeitung den provozierenden Artikel, der den Anlaß zu Phileas Foggs Wette mit seinen Whist-Freunden vom Reform-Club geben sollte. Worüber Fogg mit seinen Club-Partnern wettet, ist im Grunde die Frage, ob die touristische Praxis imstande sei, die Verheißungen ihrer Theorie wahrzumachen. Der folgenreiche Aufsatz im Morning Chronicle enthielt eine Aufstellung der Zeitspannen, die ein Reisender würde veranschlagen müssen, um von London um die Welt herum nach London zu gelangen – unnötig zu betonen, daß die britische Hauptstadt zu dieser Zeit der Standort aller Standorte war; von hier aus gingen ein Großteil der Schiffe und Kapitale auf ihre Reisen um die Welt. Daß diese Kalkulation auf der Hypothese einer Reise nach Osten beruhte, entsprach, neben der habituellen britischen Affinität zum indischen Teil des Commonwealth, einem Topos der Epoche: Die Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869 hatte in Europa eine Sensibilisierung für das Thema Beschleunigung im Weltverkehr erzeugt und Anreize für die dramatisch verkürzte Ostroute geschaffen. Wie der Verlauf von Foggs Reise bezeugt, handelte es sich hier bereits um einen vollständig gewesteten Osten, der mit all seinen Brahmanen und Elefanten nicht mehr bedeutete als ein beliebiges Bogenstück auf dem ortsräumlich dargestellten und verkehrstechnisch disponibel gemachten Planeten.
    »Hier steht die Berechnung gedruckt im Morning Chronicle :
    London–Suez über Mont-Cenis und Brindisi,
    per Eisenbahn und Dampfschiff 7

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