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Meine Schwiegermutter trinkt - Roman

Meine Schwiegermutter trinkt - Roman

Titel: Meine Schwiegermutter trinkt - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diego de Silva
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kleben und keinerlei Rücksicht darauf nehmen, wie sich die Dinge in jüngerer Zeit entwickelt haben.
    Und wenn die Wirklichkeit euch dann nicht mehr umschmeichelt und euch mit den harten Fakten alleine lässt, sie vor euch aufbaut wie eine Ware mit abgelaufenem Verfallsdatum – dann ist das ziemlich hässlich.

Intensivkurs in beruflicher
    Weiterbildung
    Die Verstärkung für Mulder und Scully ist schon eine ganze Weile da.
    Von draußen dringen undeutliche Geräusche herein, ein Durcheinander von Autos und Stimmen; zu hören ist immer wieder ›Zurückbleiben‹ und ›Da gibt’s nichts zu sehen‹.
    Auch wenn uns die Monitore mehr oder minder immer dieselben Bilder liefern, hat es doch den Anschein, als würden die dort draußen sich mordsmäßig ins Zeug legen, und das Gefühl, dass ich in dieser Art von Reality, in der ein Verurteilter auf seine Hinrichtung wartet, inzwischen offenbar fest engagiert bin, ist mir auf frappierende Weise vertraut.
    Kann es sein, frage ich mich, dass wir alle verfügbaren Erzählmuster ausgeschöpft haben?
    Irgendwann meine ich einen Hubschrauber im Anflug zu hören, aber verwetten würde ich nichts darauf – auch das könnte ein von der Einbildung vorfabrizierter Eindruck sein.
    Ab und zu geht eine Sirene los (wer weiß, warum sie die anwerfen, das Gebäude ist bestimmt schon längst umstellt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch jemanden warnen muss. Vielleicht ist es aber auch ein System, um noch mehr Schaulustige anzuziehen, damit man ihnen publikumswirksam und in die Kameras sagen kann, sie sollen zurückbleiben, weil es nichts zu sehen gibt).
    Die Carabinieri haben den Vorplatz des Supermarkts mit Autos abgesperrt, aber die Hyänen haben ihre Stellung gehalten (mussten allerdings ein wenig zurückweichen) und beobachten die Szenerie nun aus einem gewissen Sicherheitsabstand.
    Seit Ingenieur Romolo Sesti Orfeo die Identität von Matrix preisgegeben und die Gründe für die Geiselnahme dargelegt hat, stehen sie schweigend beieinander, was verdächtig nach Ruhe vor dem Sturm aussieht. Höchstwahrscheinlich formiert sich da gerade eine Gruppe von Parteigängern der falschen Seite, und vermutlich schwant das auch Mulder und Scully, denn sie wirken jetzt nervöser. Und das nicht ohne Grund – denn es wäre nicht das erste Mal, dass Polizei und Carabinieri genau von denen angegriffen werden, zu deren Schutz sie bestellt sind.
    Vorher ist auch die Rai aufgetaucht, in Gestalt einer taffen, sorgfältig verstrubbelten Journalistin, die noch nicht aus dem Übertragungswagen herausgeklettert ist und schon mitten im Interview mit Mulder steckt, der ihr aber nur das gewerkschaftliche Minimum verrät, also zusammenfasst, was sie ohnehin schon weiß, und sich dann entschuldigt mit: ›Jetzt lassen Sie uns bitte wieder an unsere Arbeit‹.
    Dann versucht sie, wie es so schön heißt, in Echtzeit mit Ingenieur Romolo Sesti Orfeo zu sprechen.
    Der erteilt ihr aber eine gnadenlose Abfuhr und will ihr lediglich erlauben, die Fernsehkameras auf die Monitore zu richten und auf Live-Übertragung zu schalten. Andernfalls solle sie sich mitsamt ihren Nachrichten wieder verziehen, blafft er aus dem Monitor – zumal der Computer das Video bereits im Kasten habe. Darüber hinaus sei von Anfang an ein lokaler Fernsehsender auf Sendung gewesen, von dem sie vielleicht noch nie was gehört hätte, aber es gebe ihn wirklich (weil, das betont er nochmal ausdrücklich, es gebe auch lokale Fernsehsender), und wenn er nicht irre, sende der sogar über Satellit. (Ich hätte am liebsten hinzugesetzt: ›Aber die Berichterstattung hat Mary Stracqualurso gemacht!‹) Deshalb könne sie sich diese ganze Sensationshuberei sparen und sich das Getue der Starjournalistin, die am Schauplatz des Geschehens eintrifft und die Nachricht monopolisiert, gleich wieder abschminken, wies der Ingenieur sie zurecht; sie sei nämlich, da müsse man die Kirche mal im Dorf lassen, erst als Zweite gekommen.
    Nun war die fragliche Journalistin mir persönlich zwar nicht besonders sympathisch, aber ehrlich gesagt sah ich auch nicht ein, weshalb man sie in dieser rüden Art abkanzeln musste (zumal nicht auszuschließen war, dass die Knalltüte von Mary Stracqua dachte, Ingenieur Romolo Sesti Orfeo würde sie mitsamt dem Fernsehsender, für den sie, na ja, arbeitete, jetzt plötzlich verteidigen – aber das war offensichtlich nur mein Problem).
    Offenbar kannte Ingenieur Romolo Sesti Orfeo die Fernsehtante und hatte sie

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