Meistens alles sehr schnell: Roman (German Edition)
ich kopfüber in der Luft baumelte. Erst da bemerkte ich einen Trog, den sie unter mir platzierten und aus dem ein übler Geruch aufstieg. Die Jauche schwappte über den Rand.
»Mahlzeit, Klöble!«, rief Markus.
Dann ließen sie das Seil los.
Z wie Zwiebel
Wochen später, als Anni und ich auf dem Speicher in einem Bierkrug Staub sammelten, aus dem wir uns mit Wasser und Wind eine Regenwolke basteln wollten, entdeckten wir in einer Obstkiste ein Kochbuch. Das hatte einmal einem Kochlehrling aus der fränkischen Schweiz gehört, der im Sumpf auf der Suche nach
escargots
gewesen war. Er hatte offenbar nicht gewusst, dass es als gutes Recht eines jeden Segendorfers galt, Landstreicher, die seinen Grund und Boden betraten, um ihren sämtlichen – und vor allem: Liebsten – Besitz zu erleichtern.
Anni und ich trugen das Kochbuch in die Küche und blätterten vorsichtig darin, behandelten jede Seite wie einen Schmetterlingsflügel. Anni wollte, dass Jasfe ihr vorlas, doch unsere Mutter wusste ebenso wenig wie Josfer ein A von einem B zu unterscheiden. Schreiben und Lesen beherrschte in Segendorf niemand außer dem Pfarrer Meier. Heimlich holte ich mir das Kochbuch zu späterer Stunde und studierte es im Mondlicht. Ich hielt mich für klüger als meine Altersgenossen. Und war es auch. Tagelang bemühte ich mich, mir selbst das Alphabet beizubringen. Abbildungen verrieten mir die meisten Laute – B wie Brot und K wie Kartoffel und W wie Weizen. Nur manche der Zutaten waren mir unbekannt, jedoch erklärte der Pfarrer Meier mir, was ich mir nicht selbst erschließen konnte, und als ich bei Z wie Zwiebel angelangt war, legte ich das Kochbuch Anni auf den Schoß.
»Schlag auf und such dir ein Wort aus«, sagte ich.
»Hier«, sie tippte auf ein paar Buchstaben, umzingelt von einer erdrückenden Anzahl an Wörtern.
»L-e-b-e-r-k-ä-s«, buchstabierte ich, und dann sagte ich: »Leeeebeeeerkääääs.«
»Du kannst lesen! Du kannst lesen!«, schrie Anni, sprang auf, rannte zu unseren Eltern. »Er kann lesen! Er kann lesen!«, rief sie weiter und zog Jasfe und Josfer hinter sich her. Bis in die Nacht hinein las ich ihnen ein Wort nach dem anderen vor: »Reeehkeeeuuuleee« und »Eeemmeeentaaaleeer« und »Kaaaroootteeen« und »Tiiiii, nein, Tüüüümiiiaaaan«. Es wurde zu einem Spiel, zum beliebtesten Spiel im Haus der Haboms. Nach jedem Abendbrot nahm ich auf der einen Seite des Esstischs Platz, Anni, Jasfe und Josfer auf der anderen, und dann brachte ich ihnen das Alphabet bei. Anni lernte deutlich schneller als unsere Eltern, Rezepte zu lesen, und Jasfe schneller als Josfer. Am allerschnellsten lernte ich. Mit der Zeit gelang es mir, ganze Sätze fehlerfrei wiederzugeben: »Aus den Zutaten einen lockeren Hefeteig herstellen, gehen lassen, Teig zusammenschlagen.« Oder: »Dabei den Ofen mithilfe eines Kochlöffels ein Stück offen halten, damit die Feuchtigkeit entweichen kann.« Und am liebsten, aus der Faszination für etwas, unter dem ich mir nichts vorstellen konnte: »Das fein gewürfelte Zitronat und Orangeat unterrühren.«
Sobald Anni Schwierigkeiten hatte, ein Wort zu buchstabieren, richtete sie ihre ungeduldigen Augen auf mich. Dieser Blick! Schon damals war ich nicht gut darin, ihr etwas abzuschlagen, und flüsterte ihr jedes Mal die Lösung zu.
Blödes Gewäsch
An meinem neunten Geburtstag stand ich bis zu den Knien im Moorbach, seifte mich ein, schrubbte mich ab. Mit den Gedanken schon zu Hause, war mir zwar kalt, aber ich fror nicht. Jasfe hatte einen Mohnkuchen gebacken und Josfer arbeitete seit Tagen an etwas im Schuppen. (Ich hoffte auf einen Jagdbogen.)
Ich schloss die Augen, um mir das Gesicht zu waschen, und als ich sie wieder öffnete, saß Markus vor mir. Er war allein und grüßte mit einem freundlichen Nicken; neben ihm lag eine Holzkiste, die mit einem Mal zu rütteln begann. Markus schob den Deckel zur Seite. Zwischen Stroh und verfaultem Gemüse paarten sich zwei Ratten. »Ge, weißt du, was die machen?«
Ich verdrehte die Augen. »Kinder?«
»Sauber! Bist fei gar nicht so deppert.« Markus schlug mir auf den Rücken. »Aber bestimmt weißt du nicht, dass die beiden Brüderchen und Schwesterchen sind, oder?«
Ich schlüpfte in meine Hose. »Ratten halt.«
Markus schloss die Holzkiste und schüttelte sie kräftig. »Ja. Ratten.« Dann stellte er sie in den Moorbach. Aus den Ritzen stiegen Luftblasen auf. »Ich nenne sie Jasfe und Josfer.«
»Depp.«
»Warum? Sind
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