Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
Vom Netzwerk:
rechtzeitige Unterrichtung vor einer Aktion sei es für Bonn schwierig und für Paris unmöglich, gemeinsam mit den USA zu handeln.
    Was die Notwendigkeit einer besseren Abstimmung innerhalb der Allianz anlangte, so war Vance mit meiner Forderung einverstanden. Es war deutlich, daß er um bessere Tuchfühlung bemüht war. Der Gesprächsverlauf machte aber auch den Mangel an Abstimmung zwischen State Department und Weißem Haus erkennbar; so sagte Vance zum Beispiel, er benutze den Ausdruck »Bestrafung« nicht. Auch in der Sache des Olympiaboykotts ließ er erkennen, daß die Verbündeten über die Absicht des Präsidenten unzureichend unterrichtet worden waren, und zwar von Angehörigen der Administration, die es seiner Meinung nach besser hätten wissen müssen. Vance war offen und zugleich verständnisvoll. Die Unterhaltungen mit ihm waren wie immer fruchtbar. In diesem Fall bedeuteten sie für mich eine gute Vorbereitung auf einen Besuch in Washington, der vierzehn Tage später stattfand.
    Die Gespräche mit Carter am 5. März 1980 betrafen im wesentlichen dieselben Themen, die ich mit Vance erörtert hatte; sie wurden auch auf beiden Seiten im gleichen Sinne bewertet. Nur wenige Punkte sind noch nachzutragen. Carter äußerte abermals Zweifel an der Zuverlässigkeit Giscards; zudem gebe die französische
Verteidigungspolitik den nuklearen und den Interventionsstreitkräften höhere Priorität als den konventionellen. Seit dem 5. Februar habe er das Gefühl, daß Frankreich aus innenpolitischen Gründen eine neutralistische Richtung einschlage; er sei darüber »zutiefst besorgt«. Mir wurde klar: Carter hatte noch immer weder die Seele Frankreichs noch die Vorstellungswelt des französischen Präsidenten verstanden. Ich erläuterte Carter die innenpolitische Zweifronten-Auseinandersetzung, in der sich Giscard in seinem Vorwahlkampf befand. Es gebe für mich keinerlei Zweifel, daß man in einer ernsten Lage auf Frankreich zählen könne. Genau dies meine doch Giscard, wenn er öffentlich erkläre, Frankreich habe noch nie gezögert, seinen vertraglichen Pflichten nachzukommen. Es gebe keinen anderen führenden Politiker in Frankreich, der den USA so nahestehe wie Giscard.
    Ich hatte nicht das Gefühl, Carter überzeugt zu haben. Der amerikanische Präsident schien nur mehr in der Lage zu sein, Schwarzweißdarstellungen zu akzeptieren. Dies wurde besonders bei seinem beharrlichen Drängen deutlich, Europa müsse sich am Olympiaboykott beteiligen. Ihm fehlte jedes Bewußtsein für die schwierige Lage, in die er Giscard, mich und andere europäische Regierungschefs durch seine einseitige Ankündigung des Boykotts gebracht hatte. Vor Carters öffentlicher Ankündigung hatte ich mich auf Grund von Gerüchten dreimal in Washington erkundigt, ob es solche Absichten gebe; noch vier Tage vor Carters Bekanntgabe hatte ich seinen gerade in Bonn anwesenden stellvertretenden Außenminister Warren Christopher danach gefragt. Auf die jedesmal negative Antwort vertrauend, hatte ich die deutschen Sportverbände unterrichten lassen, es stehe kein Olympiaboykott ins Haus. Völlig überraschend verkündete Carter dann doch den Boykott und verlangte umgehend und ohne Rücksicht auf die innenpolitische Bloßstellung seiner Verbündeten deren Einschwenken auf seine öffentlich gemachte Entscheidung.
    Ich sagte dem Präsidenten, am Ende würden wir auf der richtigen Seite stehen, aber nach der unglücklichen Vorgeschichte benötigte ich Zeit. Einige europäische Regierungen, besonders Margaret Thatcher, erklärten zwar eilfertig ihren Beitritt zum Boykott.
Als die Olympischen Sommerspiele in Moskau aber eröffnet wurden, nahmen fast alle NATO-Mitgliedstaaten teil.
    Im Zuge der Auseinandersetzungen über das Olympiathema fragte ich am 5. März den Präsidenten, was er denn tun wolle, wenn die Olympischen Spiele hinter uns liegen würden, der Boykott auch funktioniert habe, die sowjetischen Truppen aber gleichwohl immer noch in Afghanistan stünden. Um die Sowjets zu einem Rückzug zu bewegen, brauche man Druck und Anreiz zugleich. Brzezinski habe in diesem Zusammenhang von der Dreiheit aus westlicher Einheit, islamischer Einheit und afghanischem Widerstand gesprochen; die Einheit des Islam sei aber ohne eine Lösung der Palästinafrage nicht zu haben.
    Carter antwortete mit entwaffnender Offenheit, er glaube nicht, daß die Sowjets sich aus Afghanistan zurückziehen würden. Es ging ihm also, so wurde mir klar, lediglich um

Weitere Kostenlose Bücher