Midkemia Saga 06 - Des Königs Freibeuter
Gesichtern zeigten sich Blutergüsse. Da ihm nichts anderes einfiel, fragte Nicholas einfach: »Seid Ihr verletzt?«
Eine der Frauen, die ein feines Seidengewand trug, erwiderte: »Nein, wir sind nicht verletzt.« Ihren aufgerissenen braunen Augen und dem Zittern in ihrer Stimme nach wußte sie scheinbar nicht, ob sie nun befreit worden oder nur in die Hand der nächsten Räuberbande gefallen war. Nicholas zögerte einen Moment lang, weil ihn ihre atemberaubende Schönheit überwältigte.
Er gab sich Mühe, sie nicht länger anzustarren. »Ihr seid jetzt in Sicherheit.«
Er sah sich um und entdeckte Ghuda. Der alte Söldner inspizierte das Lager. Als Nicholas zu ihm trat, sagte er: »Das waren keine ausgebildeten Soldaten, Nicholas.«
Nicholas blickte sich um und konnte nur zustimmen. »Sie haben das Lager an einem Ort aufgeschlagen, wo es unmöglich zu verteidigen war, und sie haben nicht einmal eine Wache aufgestellt.«
Ghuda kratzte sich am Bart. »Entweder haben sie geglaubt, es wäre niemand in der Nähe …«
»Oder sie haben Verstärkung erwartet«, meinte Nakor, der neben Nicholas auftauchte.
Nicholas sagte: »Wir sollten uns lieber zum Aufbruch fertig machen und so schnell wie möglich verschwinden.«
»Zu spät«, sagte der kleine Mann und deutete auf die Erhebung, wo Ghuda und seine Leute vor dem Überfall gewartet hatten.
Auf dem Hügel standen Reiter in einer Linie und beobachteten sie gleichmütig.
Entdeckung
Nicholas machte ein Zeichen.
Rasch verbarrikadierten sich einige der Männer hinter den Wagen, während andere den toten Banditen die Schwerter und Bögen abnahmen. Marcus tauchte neben Nicholas auf. Er hatte einen Kurzbogen in der Hand. »Nicht gerade das Beste«, meinte Marcus, als er den Zug der Sehne testete, »aber besser als gar nichts.«
Tuka sagte: »Jeshandi!«, während er auf das Dutzend Reiter zeigte.
Nicholas fragte: »Sind das Freunde?«
Der kleine Mann wirkte bei dieser Frage deutlich besorgt.
»Während der Zeit des Frühjahrsmarktes gilt der Marktfrieden, und dann können alle kommen und miteinander handeln. Doch der Markt ist vorbei, und wir befinden uns auf ihrer Seite des Flusses.«
»Ihre Seite des Flusses?« fragte Harry, der ein abgenutztes Schwert in der Hand hielt.
Tuka nickte: »Ihre Heimat reicht von der Anlegestelle von Shingazi bis weit nach Norden, von dort in den Westen, wo die Vedra in den Schlangenfluß mündet, und vom Fluß bis zur Wüste.
Die ganze Steppe ist das Gebiet der Jeshandi. Und niemand darf es ohne ihre Erlaubnis durchqueren. Manchmal kennt ihre Gastfreundschaft keine Grenzen, und zu anderen Zeiten sind sie kaum besser als Banditen. Derjenige ganz vorn mit den roten Troddeln am Zaumzeug ist der Hetman, ein wichtiger Mann.«
Nicholas sagte: »Nun, wir können genauso lange warten wie sie.«
In diesem Augenblick erschien jeweils im Norden und Süden ein weiteres Dutzend Reiter. Nicholas berichtigte sich: »Vielleicht können wir doch nicht warten.«
Er kletterte auf einen der Wagen und hielt sein Schwert in die Höhe, damit alle es deutlich sehen konnten. Dann steckte er es mit großer Geste in die Scheide und sprang herunter. »Ghuda, Ihr kommt mit mir. Marcus, du gibst uns mit Calis Deckung, falls wir uns eilig zurückziehen müssen.«
Ghuda trat zu Nicholas, und die beiden gingen bis zu einem Punkt etwa in der Mitte zwischen den Wagen und den Reitern. Zwei von ihnen ließen ihre Pferde den Hügel hinuntertrotten.
Während sie sich näherten, betrachtete Nicholas sie eingehend.
Jeder Reiter trug einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen, dazu ein Schwert und eine Sammlung Messer. Bekleidet waren sie mit Hemd und Hose, darüber ein dunkler Umhang. Auf den Köpfen trugen sie spitze blaue und rote Hüte, an denen Tücher hingen, die den Nacken schützten. Die Gesichter waren gegen den Staub mit Tüchern verhüllt, die nur die Augen freiließen.
Als sie Ghuda und Nicholas erreichten, berührte Nicholas mit der Hand Stirn, Herz und Bauch, so wie es die Wüstenmenschen in der Jal-Pur tun, und benutzte auch deren Grußformel. »Friede sei mit Euch.«
Einer der Reiter erwiderte in jenem Dialekt der Sprache von Kesh, der hierzulande üblich zu sein schien: »Ihr habt einen schrecklichen Akzent.« Er sprang vom Pferd und fügte hinzu: »Aber Ihr habt Manieren.« Er winkte mit der Hand. »Friede sei auch mit Euch.«
Dann trat er näher, und durch den indigoblauen Gesichtsschutz sah Nicholas zwei wache blaue Augen. Der Mann zeigte auf
Weitere Kostenlose Bücher