Mister Aufziehvogel
gemacht hatte und daß die zwei Offiziere aus Ulan Bator gekommen waren, um uns zu verhören. Ich hatte gehört, die GPU sei an den letztjährigen Massenverhaftungen und Erschießungen regierungsfeindlicher Aktivisten maßgeblich beteiligt gewesen.
Beide Offiziere trugen eine untadelige Uniform und waren glattrasiert. Der Russe trug eine Art gegürteten Regenmantel. Seine Stiefel strahlten in makellosem Glanz. Er war ein magerer, aber für einen Russen nicht sehr großer Mann von vielleicht Anfang Dreißig. Er hatte eine breite Stirn, eine schmale Nase und eine fast blaßrosafarbene Haut, und er trug eine Nickelbrille. Alles in allem war das kein Gesicht, das einen nennenswerten Eindruck hinterlassen hätte. Neben dem Russen sah der kleinwüchsige, stämmige, dunkle mongolische Offizier wie ein kleiner Bär aus.
Der Mongole rief den UO zu sich, und die drei Männer redeten eine Weile miteinander. Ich nahm an, daß sich die beiden Offiziere einen detaillierten Bericht geben ließen. Der UO holte die Tasche mit den Dingen, die sie uns abgenommen hatten, und zeigte sie den anderen. Der Russe sah sich jeden einzelnen Gegenstand sehr aufmerksam an und legte dann alles in die Tasche zurück. Er sagte etwas zum Mongolen, und der wiederum sprach mit dem UO. Dann holte der Russe ein Zigarettenetui aus seiner Brusttasche und hielt es den anderen beiden geöffnet hin. Rauchend redeten sie weiter miteinander. Während er sprach, schlug sich der Russe mehrmals mit der rechten Faust in die offene Linke. Er sah ziemlich verärgert aus. Der mongolische Offizier stand mit verschränkten Armen und einer verbissenen Miene reglos da, während der UO ab und zu den Kopf schüttelte. Schließlich kam der russische Offizier zu uns herübergeschlendert. »Möchten Sie rauchen?« fragte er auf russisch. Wie ich schon sagte, hatte ich auf dem College Russisch gelernt und konnte einer normalen Unterhaltung ziemlich gut folgen, aber um Schwierigkeiten zu vermeiden, tat ich so, als verstünde ich nicht. »Danke, nein«, sagte Yamamoto auf russisch. Er war gut.
»Ausgezeichnet«, sagte der sowjetische Offizier. »Es wird schneller gehen, wenn wir Russisch reden können.«
Er zog die Handschuhe aus und steckte sie in die Tasche seines Mantels. An seiner linken Hand funkelte ein schmaler Goldring. »Wie ihnen zweifellos bewußt ist, suchen wir nach einem bestimmten Gegenstand. Einem Gegenstand, an dem uns viel liegt. Und wir wissen, daß Sie ihn haben. Fragen Sie nicht, woher wir das wissen; wir wissen es einfach. Sie haben ihn allerdings jetzt nicht bei sich. Was nach den Gesetzen der Logik bedeutet, daß Sie ihn vor Ihrer Gefangennahme versteckt haben müssen. Da drüben haben Sie ihn nicht hingeschafft.« Er deutete auf den Chalcha. »Keiner von Ihnen hat den Fluß überquert. Der Brief muß sich auf dieser Seite befinden, irgendwo versteckt. Haben Sie bis jetzt verstanden, was ich Ihnen gesagt habe?«
Yamamoto nickte. »Verstanden habe ich Sie«, sagte er, »aber von einem Brief wissen wir nichts.«
»Schön«, sagte der Russe ausdruckslos. »In diesem Falle muß ich Ihnen eine kleine Frage stellen. Was haben Sie hier gemacht? Wie Sie wissen, befinden Sie sich hier auf dem Territorium der Mongolischen Volksrepublik. Welche Veranlassung hatten Sie, in fremdes Gebiet einzudringen? Ich erwarte von Ihnen eine Erklärung.«
»Kartographische Arbeiten«, erklärte Yamamoto. »Ich bin ziviler Mitarbeiter eines Kartenherstellers, und dieser Mann hier und der, den die Soldaten getötet haben, waren zu meinem Schutz abgestellt. Wir wußten, daß diese Seite des Flusses auf Ihrem Territorium liegt, und wir bedauern es, hier eingedrungen zu sein, aber wir hatten nicht das Gefühl, eine Grenzverletzung zu begehen. Wir wollten lediglich das Plateau auf dieser Seite besteigen, um einen besseren Überblick über das Gelände zu gewinnen.«
Ganz und gar nicht amüsiert kräuselte der russische Offizier die Lippen zu einem Lächeln. »›Wir bedauern es‹?« sagte er langsam. »Ja, natürlich. Sie wollten das Gelände vom Plateau aus betrachten. Ja, natürlich. Von einer Anhöhe aus hat man immer eine bessere Aussicht. Das klingt absolut einleuchtend.« Eine Zeitlang sagte er nichts, sondern starrte nur auf die Wolken am Himmel. Dann richtete er den Blick wieder auf Yamamoto, schüttelte langsam den Kopf und seufzte.
»Wenn ich Ihren Worten nur Glauben schenken könnte! Wieviel besser wäre es für uns alle! Könnte ich Ihnen doch nur auf die Schulter
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