Nicodemus
– und jetzt kommt das wirklich Fantastische daran –, gibt der Index einem das Wissen über diesen Text ein. Ihr seht also, warum der Index so wertvoll ist. Eine Recherche, die normalerweise Wochen in Anspruch nehmen würde, dauert auf diese Weise nur wenige Augenblicke.«
Durch die Passwörter beschwichtigt streckten die Beschützer ihre Pranken aus und verfielen in eine Art hündische Verneigung, womit sie den Zauberern signalisierten, dass sie passieren durften.
Beim Eintreten nahm Nicodemus die ganze Pracht der Hauptbibliothek in sich auf, in der er vorher nur ein paar Mal gewesen war. Voller Bewunderung fing neben ihm ein Wächter an zu stammeln.
Reich verzierte Holzvertäfelungen und in Leder gebundene Bücher so weit das Auge reichte. In jedem Stockwerk fiel warmes Sonnenlicht durch die Bogenfenster, Staub tanzte auf den Strahlen. Und in schwindelnder Höhe spannten sich ein paar Holzstege über das weit verzweigte Gewölbe.
In der Mitte des Erdgeschosses befand sich ein zweistöckiges gemauertes Häuschen für die Bibliothekare, die sich rund um die Uhr um die Bücher kümmerten. Es war umgeben von einem Labyrinth aus hüfthohen Regalen und ordentlichen Reihen langer Tische. Das Rascheln der Seiten und das Raunen der gut hundert Zauberer, die dort arbeiteten, erfüllte den Raum.
Smallwood hatte seinen Vortrag noch nicht beendet. »Also die Nachfrage nach dem Index ist kolossal. Um den Index zu schützen, muss jedes Mal die Abteilung für den Gebrauch von Artefakten zustimmen. Die Sicherheit des Index zu gewährleisten ist keine leichte Aufgabe, denn obgleich wir wissen, wie man ihn benutzt, haben wir keine Ahnung, wie er funktioniert. Seine maßgeblichen Zauber sind in einer uns unbekannten Sprache geschrieben.« Der Zauberer lachte. »Und dann ist da auch noch die Sache mit den Privatbibliotheken. Weil der Index jede Schrift innerhalb Starhavens durchsuchen kann, sorgen sich viele Zaubermeister, die eine verbotene Privatbibliothek besitzen, dass ihre Rivalen ihrem Geheimnis auf die Spur kommen könnten.«
Die Gruppe setzte ihren Weg fort, Shannon und Smallwood bildeten die Spitze, Nicodemus ging in der Mitte, und die vier Wächter trotteten hinterdrein.
Sie erreichten die Rückwand der Bibliothek und betraten einen der zahlreichen Nebenräume. Bislang war Nicodemus dieser Raum noch nie aufgefallen. Er erstreckte sich über wenigstens hundert Schritt und wirkte wie eine langgezogene, von Büchern gesäumte Höhle.
»Weißt du, Nicodemus«, erklärte Smallwood beim Gehen, »unser Exputationszauber wird den Text um den Index herum entschlüsseln, denn zweifellos besitzt das Artefakt textliche Intelligenz. Daraus könnten wir einiges über vierfache Kognition lernen – wie bestimmte Zauber es uns ermöglichen, mit Texten zu denken. Manche vermuten, dass der Index ein Werk der Chthonen ist.«
In diesem Moment gelangten sie ans Ende der Höhle, wo ein Schutzzauber vor einer breiten Metalltür schlief. Den schweren Kopf hatte das Geschöpf auf seine Magnuskugel gebettet. Langsam öffnete sich eines seiner Hundelider und entblößte ein glühendes Auge. Schlagartig stand das Geschöpf auf allen Vieren und gab ein furchterregendes Knurren von sich. Shannon warf ihm einen dicken Stapel Passwörter zu.
Der Beschützer schnappte sich das Gebilde aus der Luft, als wäre es ein Stück Fleisch. Argwöhnisch stierte er die Zauberer an, bis er sich schließlich vor ihnen verneigte. Die Tür hinter dem Geschöpf schwangauf, und zum Vorschein kam ein fensterloser Raum mit gemauerten Wänden. Auf einem marmornen Pult in der Mitte der Kammer lag der Index.
Das Buch war in glänzendes braunes Leder gebunden. Zwei mit Stahlbeschlägen am Tisch befestigte Messingklammern waren am Rücken angebracht. Ein quadratischer Riegel aus demselben Material verschloss das Buch, die Ecken waren mit Stahlplatten verstärkt. Als Nicodemus näher herantrat, sah er unzählige fein ziselierte Sonnenstrahlen im Metall. Auch ohne erhabene Ornamente oder Edelsteine schien es ihm eines der schönsten Bücher, das er je zu Gesicht bekommen hatte.
Nachdem er seine Rollen mit Handschriften abgelegt hatte, begann Smallwood sich die Ärmel aufzuknöpfen, gleichzeitig wies er die Wächter an, die Bücher auf die leeren Regale entlang der Wände zu legen.
Shannon stand schon mit offenen Ärmeln bereit; trotz seines Alters waren seine Arme durch das ständige Zauberschreiben ungewöhnlich muskulös. »Unser Exputationszauber nennt sich
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