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Olympos

Titel: Olympos Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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Nordwand des atlantischen Bruchs aus antraten. Das Ergebnis würde dasselbe sein.
    Weder in der KI noch sonst irgendwo in Allahs Schwert gab es Prozeduren zu ihrer Entschärfung. Die Singularitäten existie r ten – seit fast fünfundzwanzig von Harmans üblichen fünf Zwanzigern –, und in einer Welt, in der Armbrüste die höchste Form der Altmenschen-Technologie darstellten, gab es keine Möglichkeit, ihre Einschließungsfelder wieder in den U r sprungszustand zurückzuversetzen.
    Harman nahm die Hand weg.
    Später erinnerte er sich nicht mehr daran, wie er den Weg aus den unter Wasser liegenden Teilen des U-Boots gefunden hatte, und er wusste auch nicht mehr, dass er durch den trockenen vorderen Torpedoraum und den Riss in der Hülle auf den so n nigen Streifen schlammigen Erdreichs im atlantischen Bruch hinausgetaumelt war.
    Er erinnerte sich jedoch daran, dass er seine Kapuze und die Osmosemaske heruntergezogen hatte, auf Hände und Knie g e fallen war und sich lange Minuten übergeben hatte. Noch la n ge, nachdem er seinen spärlichen Mageninhalt losgeworden war – die Nahrungsriegel waren gehaltvoll, enthielten aber nur wenig Ballaststoffe –, fuhr er fort, trocken zu würgen.
    Hinterher war er zu schwach, um auch nur auf Händen und Knien liegen zu bleiben. Er kroch von seinem Erbrochenen fort, brach zusammen, rollte sich auf den Rücken und schaute zu dem langen, schmalen blauen Himmelsstreifen hinauf. Die Ri n ge waren schwach, aber deutlich sichtbar, sie drehten sich, kreuzten sich, bewegten sich wie blasse Zeiger eines obszönen Uhrwerks, das die Stunden, Tage, Monate oder Jahre abzählte, bis die nur ein paar Meter von Harman entfernten Einschli e ßungssphären der Sprengköpfe endgültig zerfielen und z u sammenbrachen.
    Er wusste, dass er sich so rasch wie möglich von dem radioa k tiven Wrack entfernen sollte – nach Westen kriechen, wenn es sein musste –, aber seinem Herzen fehlte die dazu erforderliche Willenskraft.
    Schließlich, nach Stunden, wie ihm schien – der Himmelsstre i fen dunkelte dem Abend entgegen –, aktivierte Harman die Funktion, seine Biomonitore zu befragen.
    Wie er vermutet hatte, war die aufgenommene Dosis tödlich gewesen. Sein gegenwärtiges Schwindelgefühl würde nur noch stärker werden. Bald würde er wieder anfangen, sich zu erbr e chen und trocken zu würgen. Unter seiner Haut staute sich b e reits Blut. Binnen Stunden – der Prozess hatte bereits begonnen – würden sich die Zellen in seinen Eingeweiden und Gedärmen zu Milliarden ablösen. Dann würde der blutige Durchfall kommen – zuerst in unregelmäßigen Abständen, dann jedoch konstant, wenn sein Körper begann, die aufgelösten Gedärme im wahrsten Sinne des Wortes in die Welt hinauszuscheißen. Danach würde er vorwiegend innere Blutungen bekommen; Zellwände würden vollständig zusammenbrechen, ganze Sy s teme kollabieren.
    Ihm war klar, dass er lange genug leben würde, um all dies zu sehen und zu fühlen. Binnen eines Tages würde er so schwach sein, dass er zwischen den Anfällen von Diarrhöe und Erbr e chen nicht einmal mehr ein paar Schritte weitertaumeln konnte. Er würde erschöpft im Bruch liegen, seine Reglosigkeit nur u n terbrochen von unwillkürlichen Krämpfen. Harman wusste, dass er nicht einmal imstande sein würde, zum blauen Himmel oder zu den Sternen hinaufzuschauen, wenn er starb – die Bi o monitore meldeten bereits, dass sich der von der Strahlung i n duzierte graue Star auf der Oberfläche beider Augen bildete.
    Harman musste grinsen. Kein Wunder, dass Prospero und Moira ihm nur Nahrungsriegel für ein paar Tage mitgegeben hatten. Sie mussten gewusst haben, dass er selbst die nicht alle brauchen würde.
    Warum? Wozu haben sie mich zum Prometheus für die menschliche Gattung gemacht, mit all diesen Funktionen, all diesem Wissen, all diesen Hoffnungen, die ich Ada und meiner Gattung geben kann, nur um mich dann ganz allein hier sterben zu lassen … auf diese Weise?
    Harman war immer noch in ausreichendem Maße bei Ve r stand und bei Bewusstsein, um sich darüber im Klaren zu sein, dass Milliarden Menschen, die nicht auserwählter waren als er, dem schweigenden Himmel in den Stunden und Min u ten vor ihrem Tod ähnliche letzte Gedanken entgegengeschleudert ha t ten.
    Er war jetzt auch klug genug, um seine Frage selbst beantwo r ten zu können. Prometheus hatte den Göttern das Feuer gesto h len. Adam und Eva hatten im Garten Eden die Frucht des Wi s sens geschmeckt. Alle

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