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Opferlämmer

Opferlämmer

Titel: Opferlämmer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jeffery Deaver
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geschundenen Leichnam des jungen Luis Martin vor sich, dazu die zuckenden Leiber der Sterbenden in der Hotellobby.
    Sie hasste es, verängstigt zu sein.
    Und einem unsichtbaren Feind gegenüberzustehen.
    Mit angehaltenem Atem – obwohl der Grund dafür ihr selbst nicht klar war – zog sie den Overall und den Helm heraus. Dann die Werkzeugtasche aus rotem Segeltuch, auf der mit Filzstift nachlässig R. Galt geschrieben stand.
    Sie atmete tief durch.
    Dann packte sie die Beweisstücke ein.
    Ein Techniker der Spurensicherung in Queens war eingetroffen und hatte zwei Ausrüstungskoffer mitgebracht. Obwohl der Tatort inzwischen stark verunreinigt war, zog Sachs den blauen Tyvek-Overall über und untersuchte den Schauplatz wie jeden anderen. Sie legte die Nummern aus, schoss Fotos und schritt das Gitternetz ab. Mit Hilfe von Sommers’ Detektor überprüfte sie alle Leitungen und löste dann eilig die Schrauben des Bennington-Kabels und einer eckigen schwarzen Plastikbox, die ebenfalls dort befestigt war. Galt hatte eine Verbindung zwischen der Hochspannungsleitung und den Stahlträgern des Hotels hergestellt. Von dort aus war der Strom auf die Türgriffe,
Drehtüren, Treppengeländer und anderen metallischen Inventarteile übergesprungen. Amelia tütete alles ein und nahm dann Partikelspuren von den Stellen, an denen Galt gestanden hatte, um das Kabel zu installieren beziehungsweise Joey Barzan anzugreifen.
    Sie suchte ein weiteres Mal nach dem Werkzeughalter, den Galt für den Angriff benutzt hatte, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Es fand sich auch kein Hinweis darauf, wie es ihm gelungen war, die Überwachungskameras der Schule oder der Baustelle anzuzapfen, um den Ort des Anschlags im Blick zu behalten.
    Nachdem Sachs ihre Arbeit beendet hatte, rief sie Rhyme an und brachte ihn auf den neuesten Stand.
    »Komm so schnell wie möglich her, Sachs. Wir müssen die Spuren sofort untersuchen.«
    »Was hat Ron gefunden?«
    »Nichts Spektakuläres, hat Lon gesagt. Hm. Ich wundere mich schon, wo er bleibt. Er müsste eigentlich längst hier sein.« Die Ungeduld war ihm deutlich anzuhören.
    »Ich mache mich gleich auf den Weg. Vorher möchte ich aber noch mit dem Zeugen reden. Jemand hat Galt vom Hotelrestaurant aus anscheinend eine Weile beobachten können. Ich hoffe, er kann uns weiterhelfen.«
    Sie beendeten das Gespräch. Sachs kehrte nach oben zurück und ging zu Nancy Simpson. Die Beamtin stand in der Hotellobby, in der sich mittlerweile kaum jemand mehr aufhielt. Sachs wollte zunächst durch eine der Drehtüren eintreten, entschied sich dann aber anders und stieg durch eines der zerschossenen Fenster.
    Simpsons Miene verriet, wie erschüttert sie immer noch war. »Ich habe gerade mit Bo gesprochen. Keiner weiß, wo Galt geblieben ist. Sobald der Strom abgeschaltet war, ist er womöglich einfach den U-Bahn-Gleisen bis zur Canal Street gefolgt und in
Chinatown untergetaucht. Aber auch das ist nur eine von vielen Möglichkeiten.«
    Sachs musterte die Blutflecke und versengten Stellen auf den Marmorböden, wo die Opfer gelegen hatten.
    »Was ist der aktuelle Stand?«
    »Fünf Tote und offenbar elf Verletzte, alle schwer. Die Verbrennungen sind zumeist dritten Grades.«
    »Habt ihr euch schon umgehört?«
    »Ja, aber niemand hat was bemerkt. Die meisten der Hotelgäste sind spurlos verschwunden. Sie haben nicht mal ausgecheckt. « Simpson erklärte, die Leute seien Hals über Kopf geflohen, mit ihren Ehepartnern, Kindern, Mitarbeitern und Koffern im Schlepptau. Das Hotelpersonal hatte sie nicht davon abgehalten. Wie es aussah, war auch die Hälfte der Angestellten einfach weggelaufen.
    »Was ist mit unserem Zeugen?«
    »Ich bin immer noch auf der Suche nach ihm. Er hat hier mit einigen Leuten zu Mittag gegessen; sie sagen, er habe Galt gesehen. Ich würde wirklich gern mit ihm sprechen.«
    »Wie heißt er?«
    »Sam Vetter. Er ist geschäftlich aus Scottsdale hier und zum ersten Mal in New York.«
    Ein Streifenbeamter kam an ihnen vorbei. »Verzeihung, haben Sie gerade den Namen Vetter erwähnt?«
    »Ja. Sam Vetter.«
    »Er hat mich in der Lobby angesprochen und gesagt, er wisse etwas über Galt.«
    »Wo ist er?«
    »Oh, das haben Sie noch nicht gehört?«, fragte der Beamte. »Er war eines der Opfer. Es hat ihn mitten in der Drehtür erwischt. Er ist tot.«

… Einundvierzig
    Amelia Sachs kehrte mit den Beweismitteln zurück.
    Als sie eilig das Labor betrat, runzelte Rhyme die Stirn. Sachs war von einer übel

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