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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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Freund.
    Man hatte ihn doch mehrfach, auch von höchster Amtsstelle, gewarnt, mit seinen Predigten vorsichtiger zu sein.
    Von der Schuer bedauerte, ihn nie selbst gewarnt zu haben, obwohl er doch immer gewusst hatte, dass der Pfarrer mit dem Feuer spielte.
    Neuestens hatte sich Baronin Thum aufgrund ihrer Forschungsergebnisse selbständig machen können, hatte dank der Unterstützung ihrer hohen Gönner sogar den Professorentitel erhalten und musste von gewissen Institutsaufgaben entlastet werden.
    Das konnte ihr von der Schuer nicht verzeihen, sowenig er sonst zum Rivalisieren neigte.
    Die Baronin gab sich alle Mühe, bescheiden und maßvoll aufzutreten, sie sah ein, dass sie gegen von der Schuer ziemlich grobes Geschütz auffuhr. Von der Publikation des Textes nahm sie trotzdem nicht Abstand, sie verließ sich auf die wissenschaftliche Komplizenschaft mit ihrem Chef. Und ihren Namen zurückzuziehen fiel ihr gar nicht ein, das Buch sollte ja in einigen Wochen in sechshunderttausend Exemplaren bei Lehmanns erscheinen, und abgesehen von allem würde es wohl auch ein hübsches Sümmchen einspielen.
    Was für eine Genugtuung, ihre Kleinlichkeit kam ganz auf ihre Kosten.
    Von der Schuer galt nicht nur als der viel bedeutendere Wissenschaftler, sondern auch als begnadeter Stilist, und doch würde keine einzige Zeile von ihm je so viele Leser erreichen wie sämtliche Sätze ihres Büchleins. Trotzdem versuchte sie wieder einmal, den Text mit seinen Augen zu lesen, während sie mit Imolas Kopf über sich nachdachte.
    Beide waren von der Anwesenheit der anderen aufgewühlt.
    Ein wenig tat ihr von der Schuer sogar leid, weil sie so unbarmherzig zu ihm gewesen war.
    Gerade deshalb schaute sie noch einmal in den Text hinein.
    Jetzt, in ihren voneinander entfernt liegenden Zimmern, schämten sich beide für die Emotionen von vorhin, am liebsten hätten sie sich gar nicht mehr gesehen.
    Den Sekretär öffnete die Baronin jetzt nicht, um das hübsche antike
godemiché
wenigstens auf ein paar Augenblicke aus seiner seidengefütterten Schachtel zu nehmen. Manchmal, selten, roch sie wie zum Trost daran, hastig, als wolle sie diese dunkle Geschichte vor sich selbst verheimlichen, und stieß es sich dann in den Mund. Gerade wegen ihrer hochgestellten Gönner beim Hauptamt in der Lützowstraße waren ihr die Hände gebunden, sie brauchte sie ja in ihrem stillen Krieg gegen von der Schuer, so wie jene ihr fachliches Renommee und ihren klangvollen Namen brauchten. Ihre Ernennung zum Professor hatte von der Schuer unter Berufung auf moralische und pädagogische Gründe lange Zeit verhindert, während jene sie gerade mit Berufung auf moralische Gründe unterstützten. Auch da hatte von der Schuer eine Schlappe erlitten. Er konnte nicht länger Druck damit machen, dass sie eine gefallene Frau war, eine uneheliche Mutter. Ohne die Gönner wäre sie ihm auf lange Sicht ausgeliefert gewesen. Über den Frankfurter Assistenten hatte von der Schuer zwar Zugang zu Himmler, war von ihm auch mehrmals persönlich empfangen worden, was aber noch nicht hieß, dass ihm der ungeheure Machtapparat zugänglich war oder dass er ihn außer Acht lassen durfte.
    Als sie etwas später aufbruchbereit im sonnigen Salon standen, wussten beide, dass sie in den nächsten Stunden sämtliche Emotionen und Irritationen zurückzustellen hatten. Was ihnen gar nicht mehr schwerfiel. Sie bewunderten gegenseitig ihre Kleider so innig, als hätte es keine Spannungen gegeben.
    Ach, dreh dich mal um.
    Entzückend.
    Obwohl sie in Wahrheit daran nicht wenig auszusetzen gehabt hätten.
    Der Schnitt deines kleinen Kostüms, ganz bezaubernd.
    Deine Schuhe und Handtaschen sind ja wahre Kunstwerke.
    In ihren halbhohen Schuhen mussten sie ungefähr zehn Minuten gehen.
    Dank der Kühle eines linden Lüftchens würden sie nicht ins Schwitzen geraten, aber sie schritten doch behutsamer dahin. Genauso behutsam ihr Geplauder.
    Als sie die letzten Häuser des zurückhaltend eleganten Hüttenwegs hinter sich gelassen hatten, schlug ihnen von freien, weiten Feldern, niederwüchsigen Wäldern und schilfbewachsenen seichten Gewässern der reiche, reife Sommerduft der mark-brandenburgischen Ebene entgegen.
    Gräfin Imola fand die Toilette der Baronin Karla ein wenig lächerlich, wenn sie ehrlich war, auch wenn sie gegen die Assemblage eigentlich nichts einwenden konnte. Solche Schuhe und eine solche Handtasche würde sie ja niemals tragen, aber immerhin, es waren saubere Arbeit und ein Leder von

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