Pfad der Schatten reiter4
folgte, und die andern beiden Eleter liefen neben oder hinter ihnen her. Laren fragte sich, ob sie in irgendeine Falle gelockt werden sollte, wie Karigan es einmal erlebt hatte – sie hatten sie in Beschwörungen und einem Netz aus Träumen gefangen. Aber sie glaubte es nicht. Welchen Grund hätten sie dazu gehabt? Nur zur Sicherheit benutzte sie ihre spezielle Fähigkeit und spürte keinerlei List bei ihnen, sondern nur Wahrheit. Wahrheit und Frieden. Beruhigt erlaubte sie es sich, ihnen zu vertrauen.
Als die Nacht tiefer wurde, zog Graelalea einen Mondstein
hervor. Sein Licht blendete die Augen nicht, sondern verbreitete ein weiches Leuchten, das jede Schneeflocke um sie herum hervorhob und wie Silber glitzern ließ. Trotz des Lichts konnte Laren jedoch den Pfad, dem Graelalea folgte, nicht ausmachen, obwohl die Eleterin ohne Zögern voranschritt und den Weg offenbar genau kannte.
Es war fast, als würden sie durch einen Traum reisen, in dem es weder Zeit noch Orientierung gab. Ihre ganze Welt existierte innerhalb des Leuchtens, das vom Mondstein ausging – der Schnee, ihr Pferd unter ihr, die grauen Baumstämme, an denen sie vorbeikamen, und Graelalea, die sie anführte. Laren hatte das Gefühl zu schweben, als wäre sie genauso leicht und substanzlos wie die Schneeflocken, die auf ihrem Haar und ihren Augenwimpern landeten.
Die Eleter glitten so ungehindert durch den Wald, dass Laren dachte, dies müsste einer der uralten Pfade sein, die sie vor langer Zeit benutzt hatten, um in das Land zu reisen, das heute Sacoridien hieß. Graelaleas Bruder, der Fürst, hatte davon gesprochen. Er hatte gesagt, das Land riefe sie zurück.
Neigten sich die Bäume aus ihrem Weg und verformte sich der Boden, um ihnen das Gehen zu erleichtern? Laren lachte fast über diese Idee, aber es war wirklich geradezu unheimlich, dass sie sich nie unter Ästen ducken musste und Sperling nie über irgendwelche Unebenheiten stolperte. Kein einziges Hindernis hielt sie auf, nicht einmal umgestürzte Baumstämme, über die sie hätten klettern müssen.
Als einige Zeit vergangen war, traten sie aus dem Wald heraus. Das Licht des Mondsteins breitete sich um sie herum aus und erhellte ein schneebedecktes Feld. Laren, verwirrt durch den plötzlichen Wechsel, brauchte einen Moment, um zu erkennen, wo sie sich befanden.
Plötzlich ließ Graelalea den Mondstein erlöschen, und als Larens Augen sich an das Fehlen seines Leuchtens gewöhnt
hatten, entdeckte sie in der Ferne flimmernde Lichter. Die Tore von Sacor-Stadt waren nicht mehr weit entfernt.
»Wir wollen weitergehen«, sagte Graelalea. »Bald werden wir mit Ihrem König sprechen.«
Laren war während der Reise wie hypnotisiert gewesen. Sie schüttelte sich, als würde sie aus einem langen Schlaf aufwachen.
»Worüber wünscht Ihr mit ihm zu sprechen?«
»Kanmorhan Vane«, antwortete Graelalea.
Der Schwarzschleierwald. Diesmal war ihr Schaudern unfreiwillig.
DIE EINLADUNG
Sobald Laren mit den Eletern die Stadttore passiert hatte, schickte sie eine Wache den Kurvenweg hinauf, um den König über ihre Ankunft zu informieren. Als
sie die Burg erreichten, wurden sie in einen Versammlungssaal geführt, der auf beiden Seiten von lodernden Kaminfeuern erwärmt wurde; der Tisch war mit verschiedenen Erfrischungen gedeckt.
Zacharias saß am Kopfende des Tisches auf einer kleineren Version seines Throns, und Lady Estora saß zu seiner Rechten. Er hatte sie seit dem vergangenen Herbst in seine Versammlungen und Audienzen einbezogen, und sie war ganz natürlich in ihre Rolle als zukünftige Königin hineingewachsen, blieb immer ruhig und würdevoll, hatte aber keine Hemmungen, ihre Stimme zu erheben, wenn sie es für erforderlich hielt. Laren dachte, dass sie wahrscheinlich in ihrer Mutter, der Herrin der Provinz Coutre, eine gute Lehrmeisterin gehabt hatte.
Zacharias behandelte sie stets mit großem Respekt. Leider konnte Laren nicht feststellen, wie gut sich die beiden auf der persönlichen Ebene verstanden, denn er vertraute ihr diesbezüglich nichts an, aber sie hoffte um ihres gemeinsamen Glückes willen, dass sie miteinander harmonierten. Allerdings war persönliche Harmonie gewiss keine Voraussetzung für eine Ehe.
Befriedigt bemerkte Laren, dass Lord Richmont Spane, Estoras Vetter und selbsternannter Ratgeber, nicht in den Rat
berufen worden war. Laren hatte sein ständiges Flüstern in Estoras Ohren satt; er wirkte für sie wie eine Spinne, die auf Estoras Schulter hockte. Und
Weitere Kostenlose Bücher