Pfad der Schatten reiter4
ihn nur überrascht anstarrte, wiederholte er mit leiser, bedrohlicher Stimme: »Leeren Sie Ihre Taschen aus.«
Yap schluckte und begann, die Taschen auszuleeren, wobei ein Löffel, ein reich verzierter Brieföffner und ein Paar von Morrys goldenen Manschettenknöpfen zum Vorschein kamen.
Amberhill nahm ihm die Manschettenknöpfe zornig weg. Wut loderte in ihm wie ein Fieber. Die Kerzenleuchter und die anderen Kinkerlitzchen waren trivial, aber die Manschettenköpfe waren etwas ganz anderes. »Sie verdienen die Kleider nicht, die Sie jetzt tragen. Sie gehörten einem guten, ehrlichen Mann. Er war wie ein Vater zu mir. Sie entehren ihn.«
Yap trat zitternd ein paar Schritte zurück.
Amberhill hielt schwer atmend inne. Das Feuer seiner Wut wurde zu einem scharfen, kalten Rasiermesser. »Und wenn Sie so dumm sind, einen Meisterdieb zu bestehlen, dann sollte ich Sie fortjagen, mit nichts am Leib außer der Haut, in der Sie geboren wurden.«
Yaps Augen weiteten sich und verzerrten sich grotesk hinter seinen zerkratzten Brillengläsern.
Amberhill fühlte sich plötzlich schrecklich erschöpft. Erschöpft und hundert Jahre alt. Yap in Morrys alten Kleidern zu sehen, hatte Salz in eine alte Wunde gerieben, bis sie wieder aufbrach und blutete. Er leckte sich die Lippen. Zwang sich zur Ruhe. Er straffte sich und wischte sich mit der Hand über die Augen. »Sie werden mich kein zweites Mal bestehlen, nicht wahr, Meister Yap.«
»Ihr werdet mich nicht töten, Herr, oder?«, kam die erbärmliche Frage.
Amberhill runzelte die Stirn. Bei allen Göttern, der Pirat war den Tränen nahe. Irgendwann im Leben hatte man ihn völlig gebrochen. Fast hatte Amberhill Mitleid mit ihm. Fast, aber nicht genug, um den jämmerlichen Gemütszustand des Piraten nicht zu seinem Vorteil zu nutzen.
Als Amberhill nicht sofort antwortete, taumelte Yap rückwärts und hielt ihm sowohl die gestohlenen Objekte, als auch die vier Silberstücke hin, die er als Lohn erhalten hatte. »Bitte, Herr, nehmt sie zurück. Bitte, tötet mich nicht. Ich lass Euch Eure Sachen da, und ich lass Euch in Ruhe.«
»Die Münzen gehören Ihnen«, sagte Amberhill. »Im Gegensatz zu den anderen Objekten habe ich sie Ihnen gegeben. Sie werden mir allerdings versichern, dass Sie sie nicht für Schnaps ausgeben. Ich habe es nicht nötig, Trunkenbolde einzustellen.«
»Ich … ich versteh nicht, Herr. Ihr werdet mich nicht töten?«
»Sie haben gesagt, Sie wollen wieder zur See fahren?«
»Ja, aber …«
»Ich werde ebenfalls zur See fahren. Ich gehe auf eine Seereise, Meister Yap. Ich brauche einen Begleiter von Ihrer … Erfahrung.«
Yap richtete sich ein wenig auf und senkte dann den Blick. Amberhill folgte diesem Blick zu seiner Hand, an deren Finger der Drachenring steckte. Hatte er es sich nur eingebildet, oder hatte der Rubin einen Moment lang pulsiert? Er meinte, den Atem des Meeres auf dem Gesicht gespürt zu haben.
»Ich weiß nicht, Herr«, sagte Yap.
»Wenn Sie einwilligen, in meinen Dienst zu treten, werde ich Sie gewiss nicht umbringen.«
Yap erblasste bei der unausgesprochenen Folgerung, dass Amberhill ihn, falls er ablehnte, tatsächlich töten würde.
»Sie werden es in meinem Dienst gut haben. Regelmäßige
Mahlzeiten und gute Unterkunft. Natürlich erhalten Sie auch monatlich einen Lohn, solange ich mit Ihren Diensten zufrieden bin.«
»Mahlzeiten?« Yaps Gesicht hellte sich auf.
Amberhill nickte.
»Landfleisch?«
Amberhill nickte erneut.
»Tja, Herr, dann sollte ich in der Tat drüber nachdenken.«
Yap, grübelte Amberhill, hatte keine andere Wahl, ob er dies nun wusste oder nicht. Und Amberhill ebenso wenig. Er konnte die Brandung und die Schreie der Möwen beinah hören.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als zur See zu fahren.
DER BEFEHL
Karigan lehnte sich an den Zaunpfahl, Elgin stand neben ihr, und sie sahen dem Haufen Grünlinge zu, die im Reitring auf ihren Pferden im Kreis trabten, wobei ihre Lehrerin, Pferdemeisterin Riggs, sie mit Adleraugen beobachtete.
Karigan war ins Freie gegangen, um ihren Augen Entspannung zu gönnen, nachdem sie sich bemüht hatte, die Reiterkonten und die Gehaltsliste zu entwirren. Sie waren noch chaotischer gewesen, als sie ursprünglich befürchtet hatte. Nach allzu vielen Stunden, in denen sie tief über winziges Gekritzel gebeugt war, hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Schon seit Tagen war sie zu keinem Botengang ausgeschickt worden, obwohl Tegan schon zweimal ausgesandt worden war, und
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