Pilot Pirx
Decke entlang, sein riesiger Schatten kroch langsam über den Boden.
Durch eine halboffene Tür gelangte Pirx in die große Messe, die nie benutzt worden war. Unter ihm, in dem Lichtstreifen, stand ein langer Tisch, flankiert von Sesselreihen. Pirx schwebte über den Möbeln, er glich einem Taucher in einem versunkenen Schiff. Die Lichtreflexe in den mattglänzenden Scheiben flimmerten, zerfielen in kleine bläuliche Flämmchen und verloschen. Hinter der Messe gähnte ein weiterer Raum, in dem es noch dunkler war. Pirx’ Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt, aber in dieser Finsternis versagten auch sie. Als er mit den Fingerspitzen eine elastische Fläche berührte, wußte er nicht, ob es die Decke war oder der Fußboden. Er stieß sich leicht ab, vollführte eine Wende wie ein Schwimmer und huschte lautlos weiter. In dem samtenen Schwarz schimmerten in einer Reihe längliche weiße Gebilde. Er ertastete eine kalte, glatte Oberfläche – es waren Waschbecken. Eines von ihnen war mit dunklen Flecken bedeckt. Blut?
Vorsichtig streckte er die Hand aus – es war nichts weiter.
Wieder eine Tür. Pirx öffnete sie, er hing schräg im Raum. Im trüben Dämmerlicht bot sich ihm ein seltsamer Anblick: Gleich einem Gespensterreigen zogen Papiere und Bücher an seinem Gesicht vorbei, sie raschelten leise und verschwanden in der Dunkelheit. Er stieß sich erneut ab – diesmal mit den Füßen –, schwamm in einer Staubwolke in den Korridor zurück und schleppte die Wolke wie einen rötlichen Schleier hinter sich her.
Die Nachtlichter brannten ruhig, sie wirkten wie eine lange, phosphoreszierende Schnur. Die Decks schienen überflutet zu sein, sie schimmerten blau. Eine Leine hing von der Decke herab. Pirx ergriff sie und hielt sich fest. Als er sie losließ, schlängelte sie sich träge – es war, als habe er sie zum Leben erweckt.
Irgendwo in der Nähe ertönten Klopfzeichen – jemand schien mit einem Hammer auf Metall zu schlagen. Pirx sah auf, lauschte und schwamm in die Richtung, aus der das Geräusch zu ihm gedrungen war. Das Klopfen schwoll an, wurde schwächer. Pirx bewegte sich vorwärts, so schnell er es vermochte, er flog förmlich. In den Fußboden unter ihm waren rostige Schienen eingelassen – einst waren Loren für die Laderäume auf ihnen gerollt. Das Hämmern schwoll erneut an. Pirx’ Blick fiel auf ein Rohr, das aus einem Quergang kam und unter der Decke entlanglief. Er berührte es und spürte, wie es zitterte. Die Klopfzeichen ertönten in Gruppen – jeweils zwei, drei Schläge auf einmal. Plötzlich hatte er begriffen: Jemand morste!
»A-c-h-t-u-n-g«, dröhnte es im Rohr. »B-i-n-h-i-n-t-e-r-d-e-m-s-p-a-n-t-e-n.« Pirx reihte die Buchstaben aneinander, eine Silbe nach der anderen.
»Ü-b-e-r-a-1-l-e-i-s ...«
Eis ...? Im ersten Augenblick begriff er gar nichts. Was für Eis? Was soll das? Wer ...
»D-e-r-b-e-h-ä-1-t-e-r-g-e-s-p-r-u-n-g-e-n ...«, tönte es. Pirx’ Hand lag auf dem Rohr. Wer sendet da? fragte er sich. Und wo? Man müßte wissen, wohin die Rohrleitung führt ... Sicherlich zum Heck, ein unbenutzter Strang mit Abzweigungen nach allen Decks ... Irgend jemand übt sich im Morsen ... Schnapsidee ... Der Pilot vielleicht?
»P-r-a-t-t-a-n-t-w-o-r-t-e ...«
Pause ...
Pirx hielt den Atem an, der Name hatte ihn wie ein Schlag getroffen. Eine Sekunde lang starrte er mit geweiteten Augen auf die Leitung, dann warf er sich nach vorn. Der zweite Pilot! durchfuhr es ihn. Er erreichte die Kurve, stieße sich ab und schwamm auf den Steuerraum zu. Über ihm dröhnte das Rohr.
»W-a-y-n-e-h-i-e-r-s-i-m-o-n ...«
Das Klopfen wurde schwächer, Pirx hatte das Rohr aus den Augen verloren. Er warf sich zur Seite, bog in den Quergang ein, stieß sich von der Wand ab und erblickte durch eine Staubwolke den verbogenen Stumpf des Rohres mit dem eingeschraubten rostigen Stopfen. Hier endet es ..., überlegte er. Es führt also nicht zum Steuerraum. Dann kann das Klopfen nur vom Heck kommen ... Aber da ist doch niemand ...
»P-r-a-t-t-i-m-s-e-c-h-s-t-e-n-m-i-t-d-e-r-1-e-t-z-t-e-n ...«, hämmerte es. Pirx hing an der Decke wie eine Fledermaus, die Finger umklammerten das Rohr, in den Schläfen pochte es wie wild. Eine Weile war es still, dann setzte das Morsen wieder ein.
»D-i-e-f-l-a-s-c-h-e-h-a-t-d-r-e-i-ß-i-g-m-i-n-u-s ...«
Dreimaliges Klopfen ...
»M-o-m-s-s-e-n-a-n-t-w-o-r-t-e – m-o-m-s-s-e-n ...«
Stille ...
Pirx sah sich um. Die Geräusche waren verstummt, nur die
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