Rain Wild Chronicles 01 - Drachenhüter
verblassten Worte alter Manuskripte vergrößerte. Ein Schal mit gestickten Schlangen und Drachen. Ohrringe aus gefärbten Glasplättchen, die Drachenschuppen nachahmten. Jedes Geschenk war speziell auf ihre Interessen hin ausgesucht worden, und sie vermutete, dass diese Gaben das ausdrückten, was in Worte zu fassen ihm sein zurückhaltendes Naturell verbot. Im Gegenzug war auch sie höflich und förmlich geblieben, doch trotz ihres ruhigen Gebarens war eine gewisse Zuneigung in ihrem Herzen gereift. Die Zurückhaltung, die sie tagsüber zur Schau stellte, beflügelte ihre Fantasien des Nachts umso mehr.
Selbst das unscheinbarste Mädchen träumt im Geheimen davon, dass ein Mann sich um ihres wahren Wesens willen in sie verliebt. Hest hatte ihr rundheraus klargemacht, dass dies eine reine Zweckheirat war. Aber musste es dabei bleiben, fragte sie sich. Wenn sie sich ihm ganz hingab, könnte sie aus der Ehe dann nicht mehr machen, mehr für sie beide? In den Monaten, die seit der Bekanntgabe ihrer Verlobung viel zu langsam verstrichen waren, hatte sie Hest immer deutlicher wahrgenommen. Ihr war aufgefallen, wie sich sein Mund formte, wenn er mit ihr sprach. Sie hatte beobachtet, mit welcher Eleganz er die Teetasse hob, und bewundert, wie sich seine Schultern unter seinem Jackett spannten. Sie hörte auf, nach einem Grund zu fragen und zweifelte nicht mehr daran, dass ihr das Glück der Liebe beschieden sein würde, sondern stürzte sich freudetrunken in ihre Schwärmerei.
Der Krieg hatte Bingtown verwüstet, und selbst wenn ihre Eltern mit Geld hätten um sich werfen können: Gewisse Dinge konnte man einfach nicht kaufen. Deshalb erschien ihr dieser Tag wie ein Märchen. Es kümmerte sie nicht, dass sie das Hochzeitskleid ihrer Großmutter trug. Vielmehr wurde es dadurch noch bedeutungsvoller. Die Blumen, mit denen die Halle der Händler geschmückt war, stammten nicht aus den Gewächshäusern oder der Regenwildnis, sondern aus den Gärten ihrer Familie und ihrer Freunde. Ihr Vater würde auf der Geige spielen, dazu würden zwei Kusinen etwas singen. Ganz schlicht, ehrlich und echt würde die Hochzeit werden.
In den vergangenen Wochen hatte Alise sich ihre Hochzeitsnacht unzählige Male ausgemalt. Einmal hatte sie sich ihn forsch vorgestellt, dann wieder knabenhaft, sanft und zögernd oder auch salopp, unzüchtig oder selbst streng. Ganz gleich, was sie sich ausdachte, es erfüllte sie mit Verlangen und hinderte sie am Einschlafen. Jetzt würde es nur noch ein paar Stunden dauern, bis sie es wirklich erleben würde. Sie sah ihr Abbild im Spiegel. Das Lächeln auf ihrem Gesicht überraschte sie. Dann legte sie den Kopf schräg und betrachtete es eingehender. Alise Kincarron lächelte an ihrem Hochzeitstag – wer hätte sich das träumen lassen?
»Alise?« In der Tür stand ihr Vater. Erschrocken wandte sie sich zu ihm um. Beim Anblick des sanften, traurigen Lächelns spürte sie einen leichten Stich im Herz. »Mein Schatz, es ist Zeit, runterzukommen. Die Kutsche wartet.«
Steif stand Swarge in der engen Kombüse. Auf das Nicken seines Kapitäns hin setzte er sich. Seine großen, rauen Hände legte er vorsichtig auf die Tischkante. Ihm gegenüber setzte sich Leftrin und seufzte. Es war ein langer Tag gewesen. Nein, es waren lange drei Monate gewesen.
Die Geheimhaltung, die das Vorhaben erforderte, hatte den Arbeitsaufwand verdreifacht. Leftrin hatte nicht gewagt, das Hexenholz wegzuschaffen. Es zum Fluss hinunterzuschleppen, um es leichter bearbeiten zu können, schied als Möglichkeit aus. Von jedem vorbeifahrenden Schiff aus hätte man sehen können, welchen Schatz er gefunden hatte. Deshalb musste der Holzklotz an Ort und Stelle in handliche Teile zerteilt werden, inmitten von Schlamm und Dornendickicht.
Heute Nacht waren sie fertig geworden. Der Hexenholzblock war zersägt und die Bretter im Rumpf Teermanns verstaut. Auf Deck feierte der Rest der Mannschaft, und im Lichte dessen, was sie im Geheimen getan hatten, schien es Leftrin geboten, dass die Mannschaft sich auf Neue zur Arbeit an Bord des Teermanns verpflichtete. Alle hatten das Schiffspapier unterschrieben. Es fehlte nur noch Swarge. Morgen würden sie Teermann wieder flottmachen und nach Trehaug zurückkehren, um die sorgfältig ausgewählten und verschwiegenen Holzarbeiter abzusetzen, die ihnen so gute Dienste erwiesen hatten. Danach würden sie wieder ihre üblichen Fahrten auf dem Fluss aufnehmen. Doch im Moment feierten sie den Abschluss eines
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