Richard Lukastik Bd. 1 - Nervöse Fische
aus denen schließlich ein oder mehrere Täter hervorgingen. Nie geschah es, daß Minuten vor dem Ende und der Auflösung eine völlig neue, bislang unerwähnt gebliebene Figur ins Spiel kam, die sich als eigentlich Schuldiger entpuppte. Während dies hingegen in der Realität durchaus der Fall sein konnte. Immer wieder trat der Umstand ein, daß die vielversprechende Liste der Tatverdächtigen im Augenblick einer einzigen, kleinen Erkenntnis verpuffte und sich der Blick jemand zuwandte, der bis dahin noch gar nicht existiert hatte. Zumindest nicht im Bewußtsein der untersuchenden Beamten. Für Lukastik war das der Mörder im toten Winkel .
»Stell mich selbst in einen Winkel/dort zu bösen Menschen hin«, dichtete Lukastik, welcher jetzt wie ein loser Zahn zwischen Schlaf und Wachsein hing, »steh im Schein der schlimmen Helden/welcher Trost, daß ich hier bin.«
Nun gut, wenn der Sinn dieser Lyrik darin bestand, endlich wegzunicken, dann ging das in Ordnung.
Tatsächlich fiel kurz darauf der Zahn aus dem Mund. Lukastik war eingeschlafen.
9 »Wo sind die Fische?« fragte Lukastik, als er am nächsten Morgen zur Bar kam und vor dem leeren Aquarium stehenblieb.
Selma Beduzzi hantierte gerade an ihrer italienischen Kaffeemaschine, in einer Weise, als bediene sie einen Spielautomaten und als sei also jeder gelungene Kaffee eine Folge puren Glücks. Sie schob ihren Kopf in Richtung Lukastik, schenkte ihm ein hellwaches Lächeln und erklärte, die beiden Fische würden gerade an der Steckdose hängen und aufgeladen werden. Dann fragte sie, wie er geschlafen habe.
»Ausgezeichnet«, antwortete er. Tatsächlich fühlte er sich frisch wie noch selten an einem Morgen.
»Die Betten sind in Ordnung, das muß man dem Architekten lassen«, sagte Selma Beduzzi, die wieder ihre weiße Cowboyjacke trug.
»Warum eigentlich Rolands Teich ?« fragte Lukastik und bestellte einen doppelten Espresso.
»Irgend jemanden muß man ja heiraten. Und Herr Roland ist nicht der schlechteste Mensch, der mir in meinem Leben untergekommen ist. An die wahre Liebe glaube ich nicht. Das ist eine dumme Erfindung von Leuten, die fürs Erfinden bezahlt werden. Schriftsteller und so.«
Chefinspektor Lukastik war verwirrt. Er hatte bloß wissen wollen, weshalb eine Tankstelle Rolands Teich hieß. Nachhakend fragte er: »Roland Beduzzi?«
»Ja. Mein Mann.«
»Warum aber Teich ? Was hat Ihr Mann mit einem Teich zu tun? Um so mehr, als ich hier nirgends einen sehen kann.«
» Rolands Tankstelle oder gar Beduzzis Tankstelle – wie hätte das geklungen?« gab die Dame des Hauses zu bedenken und erwähnte die zufällige Ähnlichkeit der portugiesischen Vokabel »tanque« mit dem deutschen »Tank«. Tanque bedeute Teich. Und es höre sich ja nun wirklich sehr viel hübscher an, wenn man eine solche Tränke – und nichts anderes sei eine Tankstelle – mit einem Teich gleichsetze.
»Da haben Sie schon recht«, sagte Lukastik.
Zwei junge Frauen kamen herein. In ihren Augen verbarg sich ein Rest von Nacht. Der Geruch von Parfüm rollte wie eine Sturmflut vor ihnen her. Sie grüßten Frau Beduzzi mit jener Art von Respekt, in der ein kleiner Brocken Verachtung steckt. Wahrscheinlich war es die Cowboyjacke, deren Anblick ihnen ein Problem bereitete. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, die Schönheit von Kitsch dadurch zu erkennen, daß sich dieser Kitsch am richtigen Ort befindet, die richtige Person umgibt.
Nachdem die beiden Frauen sich in einer Ecke niedergelassen hatten, verriet Selma Beduzzi: »Sternbachs Angestellte.
Wenn ich Sie wäre, Herr Inspektor, würde ich mir von diesen Zicken nicht einmal den Nacken ausrasieren lassen.«
»Ich habe nicht vor, zum Friseur zu gehen.«
»Nicht?« wunderte sich Frau Beduzzi und stellte den fertigen Kaffee vor Lukastik hin. »Ich dachte, Sie sind mit Sternbach verabredet. Was man so hört.«
»Nicht zum Haareschneiden.«
»Sondern?«
»Neugierde ist keine Zierde«, verkündete Lukastik.
»Na, dann werden Sie mal mit der Neugierde Ihrer Kollegen fertig«, sagte Frau Beduzzi.
»Was meinen Sie?«
»Draußen wartet Ihr Empfangskomitee. Ein Wagen von der Zwettler Gendarmerie.«
»Haben die nichts zu tun?« beschwerte sich Lukastik, griff mit einer Hand nach der Untertasse, mittels derer er die gefüllte Mokkatasse hochhob, und ging aus der Bar hinaus.
Als er an der Kasse vorbeikam, saß dort ein Mann mit einem zuckenden Auge. Klein, aber zäh. Die Ärmel hochgesteckt, die Haut faltig und
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