Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)
und es stelle in meinen Romanen ein subtiles Symbol für irgend etwas dar. In Wirklichkeit hasse ich das Wetter, und es ist überhaupt kein subtiles Symbol, sondern vielmehr ein einfaches und offenkundiges Symbol für das, was man nicht ändern kann, und worunter man trotzdem leidet.
– Ich bin etwas deprimiert, wenn ich Zeitungen aus Schweden lese, sagte Madeleine. Sie hacken so schrecklich aufeinander herum.
– Vati, wie ist das, wenn man im hinteren Geschützturm einer Heinkel III sitzt, sagte Joen.
– Frag doch Professor H., wenn er nächstes Mal herkommt. Er hat seine halbe Jugend in einer Heinkel III verbracht. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat er es nicht gerade genossen.
– Komisch, sagte Madeleine. Ich rufe immer mal wieder die Malerin G. an, aber sie meldet sich nicht. Ob sie wohl verreist ist? Oder ob das Telefon gestört ist? Sie sollte eigentlich nicht verreist sein.
– Wahrscheinlich hat sie die Rechnung nicht bezahlen können.
– Ich kann nicht verstehen, warum sie so furchtbar aufeinander herumhacken. Es ist, als seien die Horizonte enger geworden, sie haben keine Ideen mehr, nur Zank und Streit.
Wie in einer kleinen Firma, die auf den Konkurs zusteuert. Alle rechnen mit der Entlassung, alle rennen herum, beschimpfen einander und versuchen, den Schuldigen zu finden.
Und das sonderbare ist, daß sie es nicht sehen. Sie haben einen blinden Fleck im Auge. Die Schriftsteller können es nicht beschreiben, die Kritiker können es nicht analysieren.
– Kein Grund zur Aufregung, sagte ich. Das Bewußtsein einer Zeit entsteht nicht innerhalb von fünf Minuten. Es ist auch nicht gesagt, daß es im Feuilleton der Tageszeitungen entsteht. Vielleicht sind es die Wartezimmer der Arbeitsämter, in denen die großen neuen befreienden Romane geschrieben werden.
Nur banale Geister glauben, eine Gesellschaft und ihre geheimen Kräfte durch und durch zu kennen. Entweder ist es schon viel zu spät, um zu verzagen, oder noch viel zu früh.
– Vati, warum legt sich eine Messerschmitt 109 nach jedem Angriff auf den Rücken?
– Das ist eine genau kalkulierte Jagdfliegertaktik. Die Messerschmitt 109 war an der Unterseite enorm stark gepanzert. Kannst du dich nicht für etwas Friedliches interessieren, junger Mann? Warum baust du nicht ein Klärwerkmodell?
– Es gibt keine Klärwerkmodelle im KDW.
– Wenn die Mehrwertlehre im »Kapital« stimmte, würde die Bevölkerung der DDR jetzt drei Stunden pro Tag arbeiten. Das tut sie aber nicht. Das ist ein Argument, das man nicht übergehen kann. Wenn die Bevölkerung der DDR drei Stunden pro Tag arbeitete, würde ich alle meine Kräfte dafür einsetzen, eine kommunistische Revolution zu verwirklichen. Ich sehe nicht den geringsten Anlaß, alle meine Kräfte dafür einzusetzen, daß die Leute acht Stunden pro Tag in Fabriken arbeiten, die genau wie alle anderen Fabriken aussehen, und denen man noch dazu einredet, sie würden dabei eine besondere Freiheit genießen oder etwas besonders Sinnvolles tun.
Nichts macht mich so fertig und wütend wie das ungeheure Maß an Verlogenheit, das es in der heutigen Welt gibt, und wenn den Leuten erst mal die Augen dafür aufgehen, wie groß die Lüge tatsächlich ist, dann bricht ein Sturm los, der nicht nur den Kapitalismus und den osteuropäischen Staatskapitalismus wegfegt. Er wird den gesamten Industrialismus mitreißen.
– Du sprichst mit jedem Tag mehr und mehr wie John Ruskin.
– Wohlgemerkt glaube ich nicht, daß der Industrialismus durch Flugblätter abgeschafft wird. Er wird sich selbst abschaffen. Durch Erstickung, durch Selbstvergiftung. Durch Energieverluste. Es ist nicht der Kapitalismus, der uns regiert. Es ist die Technik insgesamt.
Bisher hat ja jeder revolutionäre Staat im zwanzigsten Jahrhundert nur eine schlechte Kopie des vorhergehenden zustande gebracht. Das Kulturhaus in Warschau ist ein Abklatsch der Wolkenkratzer von Manhattan. Tobaljev oder Concorde – das ist mir doch egal. Das Übel sitzt tiefer, als man je gedacht hätte. Das ist die schlichte Wahrheit, und bevor sie sich nicht allgemein durchgesetzt hat, sehe ich nicht ein, wozu Erlösungsversuche gut sein sollen.
– Erlösungsversuche! Das mußt gerade du sagen? Wenn das jemand hörte, würdest du dir Feinde machen.
– Und wenn schon. Es kann nicht meine Aufgabe sein, populär zu werden. Das ist was für Leute wie den Talkmaster Lennart Hyland. Ein ernsthafter Mensch vermeidet die Popularität und begnügt sich mit einer
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