Saemtliche Dramen
Lisa Drosdowa, ja? Antworten Sie! Hören Sie, ich lasse Ihnen auch Schatow, wenn Sie wollen …
STAWROGIN
Dann haben Sie also wirklich beschlossen, ihn zu töten?
PJOTR (steht auf)
Was kann Ihnen das ausmachen? Er war schlecht zu Ihnen.
STAWROGIN
Schatow ist ein guter Mensch. Schlecht sind Sie.
PJOTR
Das stimmt. Aber ich habe Sie nicht geohrfeigt.
STAWROGIN
Wenn Sie auch nur die Hand gegen mich erheben, töte ich Sie auf der Stelle. Sie wissen sehr gut, dass ich dazu in der Lage bin.
PJOTR
Ja. Aber Sie werden mich nicht töten, denn Sie verachten mich.
STAWROGIN
Kluger Kopf.
(Er geht.)
PJOTR
Hören Sie, hören Sie doch …
( PJOTR WERCHOWENSKI gibt ein Zeichen, auf das FEDKA erscheint. Zusammen folgen sie STAWROGIN . Der die Straße darstellende Vorhang geht hoch. WARWARA STAWROGINA s Salon.
DASCHA ist auf der Bühne. Als sie STAWROGIN s Stimme hört, geht sie nach rechts ab. STAWROGIN und PJOTR WERCHOWENSKI treten ein.)
PJOTR
Hören Sie …
STAWROGIN
Mein Gott, sind Sie hartnäckig. Sagen Sie mir jetzt ein für alle Mal, was Sie von mir wollen, und dann lassen Sie mich in Ruhe.
PJOTR
Ja, ja. Also. (Sieht zur Seitentür) Augenblick.
(Er geht zur Tür und öffnet sie vorsichtig.)
STAWROGIN
Meine Mutter pflegt nicht zu lauschen.
PJOTR
Da bin ich sicher. Ihr feinen Leute seid natürlich meilenweit über so etwas erhaben. Ich hingegen lausche gern. Außerdem hatte ich ein Geräusch gehört. Aber das ist nicht wichtig. Sie wollen wissen, was ich von Ihnen erwarte? ( STAWROGIN schweigt.) Also gut, ganz einfach … Wir beide werden Russlands Aufstand führen.
STAWROGIN
Russland ist träge.
PJOTR
Noch zehn Gruppen wie unsere, und wir sind mächtig.
STAWROGIN
Zehnmal so viele Schwachköpfe wie hier?
[ PJOTR
Mit Dummheiten bringt man die Geschichte voran. Da, zum Beispiel die Frau des Gouverneurs, Julija Michailowna, sie steht auf unserer Seite. Dummheit.
STAWROGIN
Wollen Sie behaupten, dass sie zu den Verschwörern gehört?
PJOTR
Nein. Aber sie findet, man muss die russische Jugend vor dem Weg in den Abgrund bewahren, womit sie die Revolution meint. Ihre Methode ist einfach. Man soll die Revolution loben, der Jugend recht geben und ihr zeigen, dass man sehr wohl zugleich Revolutionärin und Gouverneursgattin sein kann. Dann wird die Jugend begreifen, dass das herrschende Regime das beste ist, denn man kann es gefahrlos beschimpfen und wird sogar belohnt, wenn man seine Zerstörung verlangt.
STAWROGIN
Sie übertreiben. So dumm kann kein Mensch sein.]
PJOTR
Ach, so dumm sind sie ja auch gar nicht, sie sind einfach Idealisten. Ich bin zum Glück keiner. Aber intelligent bin ich auch nicht. Wie bitte?
STAWROGIN
Ich habe nichts gesagt.
PJOTR
Schade. Ich hatte gehofft, Sie würden sagen: «Doch, doch, Sie sind intelligent.»
STAWROGIN
Ich habe nie daran gedacht, so etwas zu Ihnen zu sagen.
PJOTR (hasserfüllt)
Sie haben recht, ich bin dumm. Darum brauche ich Sie ja. Meine Organisation braucht einen Kopf.
STAWROGIN
Sie haben Schigalew. (Er gähnt.)
PJOTR (wie oben)
Spotten Sie nicht über ihn. Die absolute Gleichschaltung ist eine ausgezeichnete, durchaus nicht lächerliche Idee. Sie ist Teil meines Plans, neben anderen Dingen. Wir werden das auf jeden Fall organisieren, werden die Leute zwingen, sich gegenseitig auszuspionieren und zu denunzieren. Dann ist Schluss mit dem Egoismus! Von Zeit zu Zeit ein bisschen Krawall, aber in Maßen, damit keine Langeweile aufkommt.
[Wir Führer werden dafür sorgen. Schließlich braucht es Führer, wenn alle anderen Sklaven sind.]
Also, absoluter Gehorsam, absolute Entpersönlichung, und alle dreißig Jahre wird ein bisschen Krawall erlaubt, sodass alle übereinander herfallen und sich gegenseitig zerfleischen.
STAWROGIN (sieht ihn an)
Ich habe lange überlegt, wem Sie ähneln, und habe fälschlicherweise im Tierreich gesucht. Jetzt weiß ich es.
PJOTR (abwesend)
Ja, ja.
STAWROGIN
Sie ähneln einem Jesuiten.
PJOTR
Gut, in Ordnung. Die Jesuiten haben übrigens recht. Sie kennen das richtige Rezept: Verschwörung, Lügen und ein einziges Ziel! Anders kann man in der Welt nicht leben. Übrigens müssen wir unbedingt den Papst für uns gewinnen.
STAWROGIN
Den Papst?
PJOTR
Ja, aber das wird nicht leicht. Er müsste sich mit der Internationale verständigen. Dafür ist es zu früh. Später wird es unvermeidlich, denn in beiden lebt derselbe Geist. Dann wird der Papst an der Spitze stehen, wir zu seiner Seite, und unter uns die
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