Saemtliche Dramen
sondern der Angst.
DER RICHTER
Er hier hat auch Angst.
VICTORIA
Aber er hat noch nichts verraten.
DER RICHTER
Das wird er schon noch tun. Alle verraten, denn alle haben Angst. Alle haben Angst, denn alle sind eingeknickt.
VICTORIA
Vater, ich gehöre zu diesem Mann, mit deiner Zustimmung. Du kannst ihn mir nicht heute geben und morgen wieder wegnehmen.
DER RICHTER
Ich war mit deiner Hochzeit nicht einverstanden. Ich war einverstanden, dass du gehst.
VICTORIA
Ich wusste, du liebst mich nicht.
DER RICHTER (sieht sie an)
Frauen sind widerlich. (Es klopft polternd.) Wer ist da?
EINE WACHE (von draußen)
Dein Haus wird versiegelt, weil du einen Verdächtigen beherbergst. Alle Bewohner stehen unter Bewachung.
DIEGO (lacht los)
Das Gesetz ist gut, das weißt du. Aber es ist ein bisschen neu, und du kennst es noch nicht so genau. Richter, Angeklagter, Zeugen – wir sind jetzt alle Brüder!
(Die FRAU des Richters, der jüngste SOHN und die TOCHTER treten ein.)
DIE FRAU
Unsere Tür ist verrammelt.
VICTORIA
Das Haus ist versiegelt.
DER RICHTER
Seinetwegen. Ich werde ihn denunzieren. Dann wird unser Haus wieder freigegeben.
VICTORIA
Vater, das verbietet die Ehre.
DER RICHTER
Die Ehre ist Männersache, und in dieser Stadt gibt es keine Männer mehr.
(Trillerpfeifen, sich nähernde Laufschritte. DIEGO lauscht, blickt sich angsterfüllt um und greift sich plötzlich den SOHN .)
DIEGO
Sieh her, Mann des Gesetzes! Eine Bewegung, und ich presse den Mund deines Sohns auf das Pestmal.
VICTORIA
Diego, das ist feige!
DIEGO
Nichts ist feige in der Stadt der Feigen.
DIE FRAU (läuft zum RICHTER )
Tu, was er sagt, Casado! Tu alles, was dieser Verrückte will.
DIE TOCHTER
Nein, Vater, tu es nicht. Wir haben nichts damit zu schaffen.
DIE FRAU
Hör nicht auf sie. Du weißt genau, dass sie ihren Bruder hasst.
DER RICHTER
Sie hat recht. Wir haben nichts damit zu schaffen.
DIE FRAU
Du hasst meinen Sohn genauso.
DER RICHTER
Deinen Sohn, genau.
DIE FRAU
Was bist du für ein Mann, dass du jetzt hervorholst, was du verziehen hattest!
DER RICHTER
Ich habe nicht verziehen. Ich bin dem Gesetz gefolgt, nach dem ich in aller Augen sein Vater bin.
VICTORIA
Ist das wahr, Mutter?
DIE FRAU
Jetzt verachtest du mich auch.
VICTORIA
Nein. Aber alles gerät ins Wanken. Die Seele auch.
(Der RICHTER macht einen Schritt auf die Tür zu.)
DIEGO
Die Seele gerät ins Wanken, aber das Gesetz stützt uns, was, Richter? Alle sind wir Brüder! (Er hebt das Kind vor sich hoch.) Du auch, und ich gebe dir jetzt den Bruderkuss.
DIE FRAU
Warte, Diego, bitte! Sei nicht wie mein Mann mit seinem verhärteten Herzen! (Er läuft zur Tür und tritt dem RICHTER in den Weg.) Du gibst nach, nicht wahr?
DIE TOCHTER
Warum soll er nachgeben, was schert ihn dieser Bastard, der hier allen Platz beansprucht!
DIE FRAU
Sei still, du bist grün vor Eifersucht. (Zum RICHTER ) Aber du, du bist dem Tod nahe, du weißt, dass es nichts auf Erden gibt, worauf man eifersüchtig sein könnte, außer Schlaf und Frieden. Du weißt genau, wenn du das hier zulässt, wirst du in deinem einsamen Bett schlecht schlafen.
DER RICHTER
Ich habe das Gesetz auf meiner Seite. Es wird mein Ruhekissen sein.
DIE FRAU
Ich spucke auf dein Gesetz. Mir steht das Recht bei, das Recht darauf, nicht getrennt zu werden, das Recht der Schuldigen auf Verzeihung, das Recht der Reumütigen auf Gnade! Ich spucke auf dein Gesetz! Hattest du das Gesetz auf deiner Seite, als du dich mit feigen Ausreden vor dem Duell mit dem Hauptmann gedrückt hast? Als du dich an der Musterung vorbeigemogelt hast? Hattest du das Gesetz auf deiner Seite, als du dem jungen Mädchen dein Bett angedient hast, das gegen seinen schäbigen Meister klagte?
DER RICHTER
Halt den Mund, Frau.
VICTORIA
Mutter!
DIE FRAU
Nein, Victoria, jetzt mache ich den Mund auf. Ich habe all die Jahre geschwiegen, um meiner Ehre und um der Liebe zu Gott willen. Aber mit der Ehre ist es vorbei. Und ein einziges Haar dieses Kindes ist mir lieber als der Himmel selbst. Ich mache den Mund auf. Und sei es nur, um dem da zu sagen, dass er nie das Recht auf seiner Seite hatte, denn das Recht, hörst du, Casado, das Recht ist aufseiten derer, die leiden, stöhnen, hoffen. Und es ist nicht, es kann nicht aufseiten derer sein, die rechnen und raffen.
( DIEGO hat das Kind losgelassen.)
DIE TOCHTER
Das sind die Rechte des Ehebruchs.
DIE FRAU (schreit)
Ich leugne meinen Fehler nicht, ich schreie ihn allen ins
Weitere Kostenlose Bücher