Saemtliche Werke von Jean Paul
nicht lieber von ihren Verlegern, die gleichsam zwischen beiden das Mittel halten, angepriesen werden.
Ich fass’ es heute noch nicht, wie ein leichter Vorschlag, den damals kein Verleger hörte und auffing, wenige Jahre darauf mit allgemeinem Beifall realisiert wurde. Jetzt sind, hoff ‘ ich, die Buchhändler-Anzeigen ebenso häufig als sonst selten, worin der Verleger seine Autoren, die er aus Feinheit nicht ins Gesicht lobt, doch hinter dem Rücken vor dem Publikum erhebt, wenn nicht aus historischem , doch aus seligmachendem Glauben. Die Liebe, die Buchhändler für Kinder – obwohl nur literarische – beweisen, ist, wie die Liebe gegen andere Kinder, das Zeichen eines guten Charakters; ja ist ein solches schon eine Lese-Leiche, so ist es schön, daß sie dem Gebote Solons folgen und von Toten öffentlich nichts als Gutes sagen. Oft legen sie – nach der französischen Regel, die das Zuschreiben mangelnder Tugenden für den feinsten Tadel hält – mit schöner Ironie dem Buche öffentlich gerade die Vorzüge bei, die ihm, wie sie glauben, fehlen. Ja, mancher ist imstande, das Buch eines Autors, der sich mit ihm als Mensch überworfen, recht zu erheben und nicht am unschuldigen Kinde die Sünden des Vaters zu strafen – so sehr sondert er, ungleich dem Kritikus, den Menschen vom Autor und will lieber das Buch seines Feindes, das er im Verlage hat, zu sehr und wider seine Überzeugung – er kann sich nicht trauen – loben als wenig. Noch aber gebricht uns eine neueste allgemeine deutsche Bibliothek, von einem Buchhändler verlegt und von allen verfasset…..
Als ich dem Diplome des Seraphinen-Ritters in der Zeitung begegnete: rief ich ein langes französisches ahhhh! und reichte das Blatt Graukern: »Lesen Sie vor«, sagt’ ich.
»Es wird zu jedermanns Warnung bekannt gemacht, daß ein gewisser Landläufer, der sich für einen Herrn v. Torsaker und für einen Ritter des Seraphinen-Ordens und für einen schwedischen Kammerherrn fälschlich ausgibt, und der leicht an seiner kurzen Statur , schwarzen Haar , roten Gesichtsfarbe , dicken fetten Leibe zu erkennen, ein ausgemachter Betrüger ist, der schon etc. etc.«
Weyermann war halb tot und ganz stumm. »Glauben Sie mir, Herr Adjunkt,« (sagt’ ich) »ich hatte gute Ursachen, den Falsarius, der sich meines Namens, Wappens, Sternes und Schlüssels anmaßte, ohne Schonung in die Hamburger Zeitung setzen zu lassen. Sagen Sie selber, Herr Gerichtshalter: ging er nicht drei Wochen in Scheerau herum und gab sich so lange für mich aus, bis ich selber auftrat? Es ist freilich frappant. Ich fürchte nur, er hat an noch größern Höfen meinen Namen ungemein kompromittiert und meinen Taufschein zu seinem Entree-Billet verbraucht.«
Der Adjunkt erschrak – verstummte – glaubte – und versank vor Torsakern. – – Sonderbar! seit meinem Siege liebt’ ich ihn mehr und meine humoristische Rolle viel weniger. Beschämt – darüber, daß die Scherzlüge sogar ein schmales Feigenblatt ist, das selber ein zweites bedarf, wiewohl sie doch besser ist als die Notlüge, weil es keine andre Lügen gibt als Lügen in der Not und keine Laster als Notlaster – beschämt über alles, entsprang ich ins Freie. Mich ekelte der teure optische Betrug. Ich suchte das Standquartier des Einhändigen auf: er war verschwunden wie seine Hand. Jetzt wurde auf einmal ein langer Schleier aus Trauerflor über meinen innern Menschen geworfen, als ich von der lachenden Bühne in die weite trat, über die sich die blaue Himmels-Halbkugel, mit Lerchen und Schmetterlingen statt der Sterne gefüllt, herüberbauete und auf der grünende Berge, blühende Felder und reife Auen als große Säemaschinen standen, die dem Menschen Saaten und Ernten in die Hände warfen. Hinter meinem Rücken bezeichneten kleine Töne die engen Zauberkreise der Lust, die eine frohe Jugend um die Achse des Maienbaums beschrieb. Eine solche Nachbarschaft hinter der vorigen Stunde nimmt dem Menschen die komische Larve ab und hängt ihm den ernsten Nonnenschleier über.
Ich streifte auf geradewohl über gemähte Raine und durch kleine, wie aus Waldungen ausgeschnittne Gruppen wie Kränze. In einer solchen transparenten Holzung lag ein Mensch auf dem Gesicht und neben ihm ein braunes Pudelhündchen. Ich dachte, er schliefe; aber als ich mich bückte und ihm unters Gesicht schauete, waren die Augen offen, aber erstarrt und auf ewig blind. Ich langte nach dem rechten Ärmel und dem Puls darin, aber letzterer war samt
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