Saemtliche Werke von Jean Paul
allein ist doch erst Überfluß und Macht ersichtlich. Ich wußte daher, was ich sagte, als ich mehr als einmal bei fürstlichen Festins, Feuerwerken und Operndekorationen, wenn ich sie gelobt hatte, gegen Umstehende die Anmerkung machte: »Von dieser Pracht haben wir immer eine zu geringe Idee, sobald wir von den Kosten derselben keine deutlichere bekommen und solche falsch taxieren – wir müßten aber ganz anders und höher vom Aufwand denken, wenn uns in einiger Entfernung vom erleuchteten Triumphbogen alle Haus-Barden, Straßen-Barden, Gläubiger, Insolvente, Seufzende und Weinende in einen Klumpen oder Chorus zusammengetrieben gewiesen würden, die das prächtige Fest gekostet hat.« –
Beim ersten Anblick fällt es Denkern auf – wenigstens erging mirs nicht anders –, daß unter so vielen Gelehrten, die vielleicht sämtlich ihre Rechte und Titel zu Panis- oder Bettelbriefen haben, und deren Verdienste gar wohl zu einer solchen Minuten-Gage befugen, gleichwohl nur die Straßen-Barden, die geistlichen Dichter und Sänger, so glücklich sind, vom Lese- und Hör-Publikum von Tage zu Tage pensioniert und gespeiset zu werden und von ihm Pränumerationsgelder einzutreiben , indes sie doch selber nichts machen, sondern nur die Verse edieren. Das Faktum an sich ist wohl ohne Zweifel: denn ich brauchte die Vorsicht, jeden solchen Konviktoristen des Publikums, wenn ich ihm seine Gabe gereicht, auszufragen nach Namen und Gewerk; ich erinnre mich aber nicht, daß Numismatiker, Orientalisten, Feudalisten, Zivilisten, Fürstenerianer, Pathologen, Doktoranden, Fakultisten darunter standen, nur selten ein sogenannter Bettelstudent. Die Auflösung ist nun die: die Dichtkunst ist (solls wenigstens) für das ganze Publikum, nicht für Teile desselben, und der Straßen-Skalde verdient daher auch die Erkenntlichkeit des gesamten Publikums auf einmal, das ihm die Ehre nicht mit Recht verweigern kann, sein eigner Pfennigmeister zu sein und jede Stadt als seine Legestadt anzusehen. Hingegen andre Gelehrte, z. B. Philosophen, Orientalisten, die nicht dem ganzen Publikum, sondern nur einzelnen Gliedern dienen, welche sich gerade mit demselben Zweige des Wissens befassen, haben an jenes Familienstipendium der poetischen Talente, das ein Homer, Camoens, Dante genoß, keinen gerechten Anspruch zu machen, außer in dem seltnen Falle, wenn die Intension langer, alter, wiederholter, anerkannter Verdienste so groß wäre, daß sie der Extension der dichterischen gleichkäme. Dann mag ihnen verstattet werden, so gut zu betteln – wenn ich diesen rohen Ausdruck brauchen soll – als irgendein großer Poet……
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Endlich erschien der Adjunkt, Graukern betitelt. Er würde mir mehr gefallen haben, hätt’ er seine grauen, frechen und schneidenden Augen und seinen rohen zerfransten Lippenwulst zu Hause gelassen. Ich hatte besorgt, meine Kammerherrnknöpfe und der Ordensstern würden ihn blenden und verwirren und aus der Fassung werfen; aber er blieb beinahe auf Kosten der meinigen in seiner und hatte – da sonst Universitätssitten so elend sind wie die Universitätsbiere – ganz andere. Er kann einmal bei einer großen Dame dadurch Anstand gewonnen haben, daß er ihre Kinder – mit Blumenbachs Bildungstriebe – bilden half. Ich hätte das seidne Halstuch darum gegeben, wenn ich kein Seraphinen-Ritter gewesen wäre: er weiß, wen er vor sich hat, sorgt’ ich.
Gegen zweideutige, peinliche Spionen kann man keinen bessern Gyges-Ring der Unsichtbarkeit verkehren als den Zirkel der Ironie und Laune, die, mit Wärme vorgetragen und mit Wahrheiten durchschossen, den Deutschen irre machen: man kann auch jede Sache, wie Sokrates, auf allen Seiten anleuchten und scheinbare Widersprüche sagen, die den Denunzianten des Innern in wahre verwickeln.
Der Adjunkt fragte mich bald mit wahrem Interesse über Schweden, über die Landmacht, über Strengnäs, Brömsebro und Sawolax; ich als eingeborner Schwede bestätigte vieles, was Büsching hatte, und beglaubigte so den Geographen nicht wenig. – Ich hing aber an meine Angelschnur Theologie und Ökonomie zugleich, damit der Hecht nicht länger nach meinen Seraphinenköpfen schnappte. Der Raubfisch lief dem Angelhaken voll konsekriertem Köder nach. Er sagte, die Gleichgültigkeit der Fürsten gegen alle Religion sei schuld, daß andern Seelen die ihrige genommen und dafür eine neue wie Blattern eingeimpft würde. Ich wollte anfangs aus Ironie die Partei der Fürsten nehmen und ihre
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