Saemtliche Werke von Jean Paul
großen Dichter in sich aufnimmt. Zur Lektüre Jean Pauls hinzuleiten, durch die Fülle seines Schaffens einige Richtwege festzulegen, ist mein Hauptbestreben gewesen.
Königsberg in Preußen, im Januar 1925
Dr. Walther Harich .
Kindheit und erste Jugen d
Am 15. Februar 1763 schloß der Hubertusburger Frieden den Siebenjährigen Krieg ab. Preußen, der Träger des aufgeklärten Absolutismus, behauptete sich in seinem Bestand. Ein neues Buch deutscher Geschichte, die ersten stürmischen Kapitel hinter sich, nahm seinen Fortgang. Das seit dem Dreißigjährigen Kriege zerrissene Reich, wüster Tummelplatz verantwortungsloser Dynastien, engherzigen und habgierigen Adels, schutzlose Beute äußerer Feinde, mußte den neuen Ausgangspunkt staatlicher Ordnung anerkennen. Quer durch das deutsche Chaos zog und festigte sich das neue Rückgrat Preußen, ein erstes organisches Gebilde, das seit dem auseinandergleitenden Mittelalter auf deutschem Boden sich zeigte. Mochten die Reste des alten Reiches gegen Preußen im Felde gelegen haben, über ganz Deutschland hin fühlte man doch, daß die im Norden befestigte staatliche Ordnung ein erster Ansatzpunkt war, den Schutt der alten Zeit zu beseitigen, und gab, wie Goethe, seiner »fritzischen« Gesinnung Ausdruck.
Nach sieben Kriegsjahren stand fest, daß von Norden ein neuer Odem durch Deutschland wehte. Wenn man die Bilanz zog, war zwar auch hier mancher Verlust zu buchen, der unmittelbar sich bemerkbar machte. Der preußisch-baltische Kreis blieb zerrissen. Die von Friedrich I. versäumte Gelegenheit, die baltischen Provinzen sich untertan zu machen, war auch jetzt nicht einzuholen gewesen. Im Gegenteil: russische Truppen hatten Jahre hindurch Königsberg besetzt. Wenn auch die geistigen Fäden herüber- und hinüberspielten, Hamann, Herder, Hippel nach altem Brauch ihre Lehr- und Wanderjahre in den Ostseeprovinzen absolvierten – so verhinderte doch die politische Zerrissenheit des deutschen Ostens sie, mit Kant an der Spitze einen preußisch-baltischen Kulturkreis als Gegengewicht gegen die Berliner und sächsische Aufklärung zu bilden, und sie standen einsam und vereinzelt in der geistigen Entwicklung da, zu deren Träger mehr und mehr das Berlin Friedrichs des Großen wurde. Berlin als Träger aber bedeutete die Aufklärung.
Man ist heute gewohnt, von der Folgezeit her auf den deutschen Rationalismus als auf eine erstarrte und schwunglose Epoche zurückzublicken. Damit verkennt man den befreienden Zug, den die Aufklärung in das deutsche Leben, Geistes- wie politisches Leben, brachte. Nachdem jahrhundertelang ein Macht- und Raubkampf sinnlos hin und her getobt hatte, bei dem der Deutsche, mindestens das deutsche Volk, schutzloses Opfertier brutaler Vergewaltigung gewesen war, trat die Aufklärung, verkörpert durch einen siegreichen Staat, als Idee eines von Optimismus getragenen Fortschritts der Menschheit auf. Die gottgewollten Gewalten, unter deren Schutz bisher jeder Egoismus der Großen und Herren sich hatte ergehen können, verloren ihre zwingende Kraft. Vernunft trat an die Stelle des historisch Überlieferten. Geburt und Macht bedeuteten nunmehr nicht nur Vorrechte, sondern auch Verpflichtungen. Der Mensch als freies Vernunftwesen fühlte sich als Träger der den staatlichen und sozialen Ordnungen zugrunde liegenden Verträge. Ein ungeheurer Fortschritt in dem sozialen Bewußtsein, ein erster Schritt, das Reich der Vernunft über die Erde auszubreiten, Wohlstand und Zivilisation zu steigern, die Völker zu bilden, mit Vorurteilen aufzuräumen, unter deren Gewalt Städte und Dörfer in Brand gesteckt, Felder verwüstet worden waren. Eine Neuordnung der Welt schien nahe bevorzustehen und mindestens erreichbar. War Vernunft nicht selbst die Waffe und zugleich die Entscheidung, von der nur an sie selbst zu appellieren war? Konnte anderes als Böswilligkeit sich ihrem Siegeszuge über die Erde entgegenstellen?
Ein Hauch von sieghaftem Diesseitsoptimismus ging mit dieser Bewegung durch die Lande, verbunden mit selbstsicherer Kampffreudigkeit, einer Lust am Disputieren, die an die Zeiten der Reformation erinnerte. Der Ausspruch Ulrich von Huttens: »Es ist eine Lust zu leben!« hätte der Wahlspruch manch eines der rationalistischen Führer in Preußen, Sachsen oder Frankreich sein können.
Diese Stimmung und geistige Einstellung fand in der von den Mächten anerkannten Behauptung des aufgeklärten preußischen Staatswesens durch den Hubertusburger Frieden
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