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Schattenherz

Schattenherz

Titel: Schattenherz Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ulrike Bliefert
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darüber hinwegzukommen, und ich hab keine Lust, alles noch mal von vorne durchzukauen …« Ihre Stimme klang schrill und sie sprach viel zu laut. Blümcke war froh, als das Gespräch beendet war.
    Â»Puh. Da kann man nur hoffen, dass Señor Estrella ’n dickes Fell hat. Schwerhörig wäre auch schon mal segensreich«, stöhnte er. »Und da denkt man immer, in der Karibik ist alles Friede, Freude, Haschischkuchen…«
    Er wandte sich dem Internet zu, um aus den Fragmenten dessen, was er erfahren hatte, ein einigermaßen schlüssiges Bild zusammenzustellen.
    Â»Man entzieht einer Mutter nicht so ohne Weiteres das Sorgerecht«, brummte er, »da muss schon was Schwerwiegenderes vorgefallen sein.«
    Â»Bis jetzt gibt es doch null Anzeichen für ein Verbrechen.« Blümckes Kollegin runzelte irritiert die Stirn. »Wieso kniest du dich dann in diese Vermisstensache so rein?«
    Â»Meine Tochter ist genauso alt wie diese Malin. Schon vergessen?«
    Es war bereits weit nach Mitternacht, als Malin sich – versteckt hinter einem der Brombeerbüsche und so weit wie möglich entfernt von Kellys Zelt – auf Sven Martens’ wacklige alte Gartenbank setzte, um ihrer imaginären Freundin zu berichten, was geschehen war.
    Hallo, Dakota. Ich muss leise sprechen, weil sonst vielleicht jemand wach wird.
    Weißt du, das, was heute Nachmittag mit Anatol passiert ist, war nur ’ne Art Vorwarnung. Nur ’ne Vorstufe von dem, was passieren kann, hat er gesagt.
    Ich hab alles versucht, ihn davon abzubringen, morgen trotzdem mit Kelly nach Borkum zu fahren. Aber er meint, er muss da durch. Er will’s zumindest versuchen. Damit ich in Ruhe alles durchsehen kann, was wir in Helmuts Büro gefunden haben. Er hat gesagt, wenn ER stark genug ist, den Trip nach Borkum durchzustehen, dann schaff ICH es auch, die Prozessberichte und alles alleine durchzulesen. Mit Kelly im Haus ist es ja absolut unmöglich, auch nur eine Sekunde lang ungestört …
    Obwohl…
    Ich hab ihm erklärt, dass das ja schließlich ein himmelweiter Unterschied ist: Nach dem ersten Schock von wegen Helmut und meiner Mutter und so werd ich alles andere schon packen. Seelisch, mein ich. Aber bei Anatol ist das doch was ganz anderes. De-per-so-ni… Nee. Moment.
    Sie drückte ein paar Sekunden lang auf den Pausenknopf, um sich an den genauen Fachausdruck zu erinnern.
    Genau! De-per-so-na-li-sa-tion heißt das.
    Er hat versucht, es mir zu erklären: Da kommt es einem plötzlich vor, als wär alles, was um einen herum passiert, fremd und unwirklich und man selber wär nicht mehr man selber. Da guckt man sich im Spiegel an und fragt sich: »Das soll ich sein?« Man hat überhaupt keinen Bezug mehr zu sich und zu dem, was einen umgibt.
    Erst hab ich gedacht, das wär’ so was wie Schizophrenie, aber Anatol sagt, das hat damit nichts zu tun. Und es hat halt furchtbar lange gedauert, bis die Ärzte das rausgefunden und kapiert haben, wie man das behandeln kann.
    Und es wär auch schon viel besser, hat er gesagt.
    Aber manche Situationen machen ihm nach wie vor Angst. Panische Angst. Allein der Gedanke, Bus zu fahren oder Zug oder Straßenbahn …
    Oder eben: mit der Fähre rüber nach Borkum…
    Aber er lässt sich partout nicht davon abbringen. Er sagt, dass er sich getraut hat, mit mir zu reden, da auf der Bretterbank im Klinikgarten…, das hätten Franzi und Dr. Spengler schon als kleines Wunder betrachtet.
    Sie lachte leise.
    Hast ja recht, Dakota! Ich hab mich auch schon klammheimlich bei Franzi und Dr. Spengler entschuldigt. In Gedanken zumindest. Schließlich war Dr. Spengler derjenige, der irgendwann kapiert hat, was mit Anatol los ist. Er ist bloß noch nicht dahintergekommen, was das Ganze eigentlich ausgelöst hat. Weil ein De-persona-li-sations-Erleben – echt schwieriges Wort! – oft mit Erinnerungslücken verbunden ist. Und ein einziger Anlass reicht normalerweise nicht aus, damit Menschen sich sozusagen sicherheitshalber von sich und ihrer Umgebung entfernen.
    Es sei denn, es ist was ganz besonders Schreckliches passiert …
    Ein Geräusch ließ Malin aufhorchen. Irgendwo in der Nähe des Grundstücks hielt ein Wagen. Dann glaubte sie, Schritte zu hören. Natürlich gab es andere Häuser in der Nachbarschaft und natürlich war Urlaubszeit und die Leute gingen abends aus und kamen manchmal

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