Schattenmelodie
zurückgewann.
Beim Frühstück hatte Kira mir eröffnet, dass sie ihr eigenes Häuschen beziehen würde. Sie war so weit, alleine zu wohnen, definitiv. Ich brauchte mich nicht mehr um sie zu kümmern. Sie hatte sich in letzter Zeit eher um mich gekümmert. Aber nun würde ich wieder in meine alte Rolle zurückfinden, früher oder später einen neuen Ankömmling in meinem Turmhaus aufnehmen und ihm dabei helfen, in der magischen Welt klarzukommen. Vielleicht würde es sogar Grete sein.
Ich warf mir die große Tasche mit den Winterklamotten für Berlin über die Schulter und machte mich auf den Weg zum Durchgang. Auf einmal hatte ich es eilig. Grete hatte mich sprechen wollen. Die ganze Zeit war mir das nicht aus dem Kopf gegangen.
Kira hatte mich neben Kim auch noch einmal beruhigt, dass Grete noch nicht so weit sein konnte. Wenn die Träume vom Durchgang anfingen, dauerte es meist noch mindestens zwei Wochen. Wahrscheinlich hatte sie einen dieser Träume gehabt und war deswegen zu mir gekommen.
Trotzdem ging ich nun schnellen Schrittes durch den Wald. Ich lief barfuß, trug aber bereits einen dicken Winterrock, sodass ich am Durchgang nur noch ein paar wärmende Kleidungsstücke überziehen musste. Als ich keine Kälte und Hitze empfunden hatte, war alles einfacher gewesen. Aber das würde bald wieder so sein, beschwichtigte ich mich und hoffte, dass der Weg zum Durchgang nicht verrückt spielte, weil ich in dem Rock schon zu schwitzen begann.
Der See kam nach der gewohnten Wegstrecke in Sicht, alles ganz normal diesmal. Es war früher Nachmittag, in der realen Welt würde es also zwischen zwei und drei Uhr nachts sein. Wenn Grete brav zur Schule ging, würde sie jetzt schlafen, und auch Tom spielte um die Zeit nicht mehr Klavier.
Ein leises Durstgefühl meldete sich, als ich das Plätschern der kleinen Wellen am Ufer hörte. Ich ignorierte es einfach. Dafür rückte die angenehme Empfindung in mein Bewusstsein, mit den nackten Füßen durch den feinen weißen Sand am Strand zu laufen. Der Sand fühlte sich herrlich warm an. Sofort verbot ich mir, darauf zu achten. Auf solche Kleinigkeiten konnte man auch gut verzichten, wenn man dafür alles andere nicht mehr am Hals hatte.
Ich ging noch ein wenig schneller, den Blick auf meine Füße gerichtet, die abwechselnd im Sand versanken, um mit der nötigen Konzentration meine Empfindungen zu drosseln … und stieß einen überraschten Schrei aus. Ich war plötzlich gegen etwas Hartes geprallt. Im ersten Moment glaubte ich, dass sich jetzt auch die Bäume verschoben und über den Weg zu marschieren begannen. Aber es war weitaus schlimmer.
„Hallo“, sagte eine tiefe Stimme ein Stück weit über mir.
Ich tat zwei Schritte zurück, stolperte und wäre hingefallen, wenn der große, kräftige Typ mit den dunklen Locken mich nicht am Ellenbogen festgehalten hätte. Ich starrte in seine Augen. Er war es! Nein, er konnte es doch nicht sein. Oder doch? Verschoben sich jetzt auch die magische und die reale Welt ineinander? So ein Unsinn. Er konnte es einfach nicht sein! Aber er war es.
„Hallo Neve, ich …“
Ja-nus. Meine Lippen formten seinen Namen, aber es kam kein einziger Ton.
„Ich habe deinen Brief bekommen und … ich dachte, du brauchst mich vielleicht.“ Er hob abwehrend die Hände. „Ich weiß, ich bin dir eine Erklärung schuldig.“
Ich starrte ihn völlig entgeistert an und bekam meinen Mund einfach nicht zu. Aber langsam spürte ich, wie ein Brodeln von unten in mir aufstieg und in Windeseile hochkochte. Er war von hier! Er kannte die magische Welt! Janus hatte mich angelogen! Er hatte mir von Anfang an was vorgemacht! Anders konnte es gar nicht sein. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass ich … Ich riss mich los und wollte wegrennen, aber Janus packte mich erneut an den Armen und hielt mich fest.
„Bitte Neve, lass es mich erklären.“ Seine Stimme klang sanft und ruhig und hatte eine hypnotisierende Wirkung auf mich. Ich gab allen Widerstand auf und er drehte mich langsam zu sich, während er mich mit seinen großen Händen weiter an den Oberarmen festhielt. Ich spürte ihre Wärme und fand das total blöd. Und ich sah in seine freundlichen, dunklen Augen und fand es noch blöder, dass wegen ihnen das Brodeln in mir verebbte.
„Du hast mich die ganze Zeit angelogen. Komplett! Ich hasse Lügen!“, stieß ich hervor.
„Du auch“, sagte er nur.
„Ich?“
„In dem Brief.“
„Der Brief … das ist ja wohl gar nichts dagegen. Ich kann
Weitere Kostenlose Bücher