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Schattenmelodie

Schattenmelodie

Titel: Schattenmelodie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Daphne Unruh
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meiner Ansage, und lief die Treppen hinunter. Meine Predigt musste aus seiner Sicht ziemlich unangemessen wirken. Aber ich hatte nicht anders gekonnt. Ich musste endlich meinen verletzten Gefühlen Luft machen.
    Und ich hielt es einfach keine Sekunde länger in Toms Nähe aus. Nicht, weil er sich irgendwie falsch benommen hatte, sondern im Gegenteil: Tom war eine absolut liebe Seele und so verantwortungsbewusst, Viktor gegenüber und mir gegenüber, obwohl er mich erst so kurz kannte. Das war noch unerträglicher, als hätte ich erkannt, dass ich mich in einen Idioten verliebt hätte.
    Ich schloss meine Wohnungstür auf, schmiss sie hinter mir zu und war froh, allein zu sein.
     

Kapitel 31
     
    Meine Zähne schlugen aufeinander, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Ich zitterte am ganzen Leib. Mir war fürchterlich kalt.
    Ich holte den Pullover von Tom hervor, den ich ihm immer noch nicht zurückgegeben hatte, und wollte ihn überziehen. Aber stattdessen warf ich ihn auf die Matratze und entschied mich für einen eigenen Pullover, den ich bereits hergebracht hatte. Doch darin wurde mir auch nicht wärmer. Ich befeuerte den Ofen mit den restlichen Kohlen, die sich noch im Eimer daneben befanden, und stellte den Radiator aus dem Bad direkt neben meiner Matratze auf. Dann setzte ich mich darauf, lehnte mich gegen die Wand und schloss die Augen.
    Okay, das mit Grete würde vielleicht noch ein bis zwei Wochen dauern. Und Tom brauchte einen weiteren Traum. Das Zittern wurde stärker, wenn ich nur an seinen Namen dachte. Verdammt, ich sollte mich wieder auf das konzentrieren, weswegen ich überhaupt zu ihm gefunden hatte. Auf das Stück, das er komponieren wollte, auf die Musik, die eingemauert war, und auf die Bedeutung, die darin für ihn lag.
    Ich zog den Pullover enger um mich. Mein Magen vermeldete  Hunger. Ich musste mir etwas zu essen besorgen. Es half ja nichts. Solange ich hier blieb, würde ich es gewiss nicht schaffen, mich wieder von allen menschlichen Bedürfnissen zu befreien. Am besten, ich ließ Kira wissen, dass ich in Berlin bleiben und erst mit Grete zurückkommen würde. Lilonda konnte es ihr sagen. Sie würde sich riesig über einen neuen Auftrag freuen.
    In ein paar Tagen war Weihnachten. Tom würde Hilfe in der Kneipe brauchen. Und Janus … die Bücher … Es gab genug Arbeit, um die Zeit zu füllen. Ja, ich würde wieder zu ihm gehen. Ich sah ihn vor mir am See … und musste auf einmal lächeln. Wie er da saß und den Sand durch seine Finger rieseln ließ. Und wie ruhig er gesprochen hatte. So ein Schuft, er hatte mich so was von reingelegt. Mein Ärger war einem anderen Gefühl gewichen: Ich vermisste ihn irgendwie.
    Langsam ließ das Zittern nach, ich sah das Glitzern des Sees vor mir, fühlte die Wärme des ewigen Sommers in der magischen Welt, glaubte, dass Janus’ Lächeln sich mit der glitzernden Oberfläche des Wassers verband … und driftete weg.
     
    Der moosige Boden unter mir war wunderbar weich. Abendsonne durchflutete das Geäst. Ich hörte das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und das Plätschern des Flusses neben mir. Uralte Bäume bildeten Brücken über ihn und tauchten ihre Äste in das Wasser. Am gegenüberliegenden Ufer stiegen die ersten Nebelschwaden auf und zeigten, dass der Boden noch warm war und die Luft sich bereits abkühlte. Ich war allein und nur von Natur umgeben, die etwas Zauberhaftes hatte.
    Aber es handelte sich um einen ganz natürlichen Wald, eine Landschaft in der realen Welt, die ich allerdings noch nicht kannte. Es war kein Landstrich in meiner Heimat. Das Licht war anders, die Atmosphäre, der Duft. Ich war nicht allein unterwegs. Hinter mir hörte ich die vertrauten, schweren Schritte meines Vaters. Ich drehte mich um. Er lächelte mir zu und sagte: „Nur noch ein Stück. Wir sind gleich da …“
    Alles wirkte friedlich und schön. Vögel zwitscherten in den Bäumen – ein Moment für die Ewigkeit.
    Doch dann plötzlich donnerte es. Zuerst einmal. Dann noch einmal. Und dann dreimal hintereinander. Es wurde immer lauter. Ein Gewitter? Ich drehte mich ängstlich um …
     
    … und starrte auf zwei helle Rechtecke, durch die orangefarbenes Licht fiel. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, wo ich war. Das Licht, es kam von einer Laterne, die es zu Hause vor meinem Turmhaus nicht gab. Also war ich in meinem Zimmer in Berlin. Und es zog kein Gewitter auf, sondern es klopfte ziemlich laut und dringlich an der Wohnungstür. Ich versuchte mich

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