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Schattenmelodie

Schattenmelodie

Titel: Schattenmelodie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Daphne Unruh
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Alles in Ordnung bei dir?“
    „Ja, alles in bester Ordnung. Wirklich. Ich … war letztens nur so erschrocken, weil … Ich kann einfach kein Blut sehen. Da flippe ich aus.“
    „Und deshalb bleibst du gleich tagelang weg?“
    „Nein, ich hätte eh weggemusst. Ich … ach …Weißt du, ich habe ein Zuhause und es ist wirklich gut. Es ist alles nicht so, wie du denkst.“
    Tom sah mich verwirrt an. Tausend Fragen schienen sich in seinem Kopf zu formen, die ich alle nicht gestellt bekommen wollte.
    Also lenkte ich schnell von mir ab und sagte: „Du hattest mich letztens wegen Charlie gefragt, und ich bin dir eine Antwort schuldig.“ Ich versuchte ein unverkrampftes kleines Lachen. „Ich verstehe nicht, warum du keine Chance bei ihr haben solltest. Du hast dich ihr, ohne nachzudenken, anvertraut. Sie hat dich nicht ausgelacht, sondern hat mit dir geprobt. Das hat mit Sicherheit alles eine Bedeutung. Das wollte ich dir noch sagen.“
    Jetzt wechselte Toms Blick von verwirrt auf verdattert. Im ersten Moment schien er sich nicht mal daran zu erinnern, dass er mir diese Frage in Bezug auf Charlie gestellt hatte. Dann aber fiel es ihm wieder ein und seine Augen bekamen ein besonderes Leuchten.
    Warum fühlte ich mich denn dadurch erneut enttäuscht? Hatte ich etwa was anderes erhofft? Dass sich die Dinge in der Zwischenzeit geändert hätten?
    Tom fuhr sich nervös durch die Haare und wirkte verlegen.
    „Ach das. Ich hatte eigentlich gerade alle Hoffnung verloren. Aber wenn du das sagst …“ Er setzte sich auf das Eisenbett, zog die Ärmel seines Pullovers über die Hände und schien gleichzeitig vergessen zu haben, dass das hier ein kalter, ungemütlicher Ort war.
    „Weißt du, seit sie bei mir war und den ganzen Abend mit mir meine leidige Komposition durchgegangen ist, ist sie irgendwie anders. Gar nicht mehr so gelöst. Sondern stiller, zurückhaltender. Distanziert. Als ob sie merkt, dass ich Gefühle für sie habe und es sie abschreckt.“
    Ich frohlockte insgeheim und schämte mich gleichzeitig dafür. Aber dennoch, konnte es etwa sein, dass Charlie sich gar nicht für Tom interessierte? Konnte es sein, dass es Frauen gab, für die Tom einfach uninteressant war? Besonders, wenn man wusste, dass er nicht nur Barkeeper war, sondern gleichzeitig der Schöpfer von wunderschöner Musik?
    Am liebsten hätte ich Tom eingeredet, dass das bei Charlie ein untrügliches Zeichen von Desinteresse sein musste. Aber ich tat das Gegenteil und sagte: „Frauen sind oft plötzlich schüchtern, wenn sie jemanden besonders mögen.“
    „Ach, Neve, das sagst du jetzt nur so.“ Die neue Hoffnung, die in diesem Satz mitschwang, war nicht zu überhören.
    Er beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf den Knien ab und legte das Gesicht in seine Hände.
    „Und wenn schon, alles ist gerade schrecklich. Hast du wirklich ein gutes Zuhause? Wirklich, Neve? Du musst mir die Wahrheit sagen.“
    „Ja, das habe ich.“
    „Ich muss die Wohnungen Anfang nächsten Jahres geräumt übergeben. Ich weiß nicht, was aus Viktor und Emma wird. Charlie kann hier natürlich nicht weiter herumexperimentieren. Und du … Also, Weihnachten kannst du noch bleiben, aber dann …“
    „Was ist mit dir?“, unterbrach ich ihn.
    „Mit mir?“ Tom machte eine wegwerfende Geste. „Der Investorenarsch hat mir eine Abfindung angeboten, wenn ich ausziehe. Lächerlich gering, aber was soll’s. Es ist eh alles verloren.“
    Auf einmal wusste ich, was Toms Kernproblem war, und es machte mich wütend. Beziehungsweise, diese Wut gesellte sich zu der bereits vorhandenen, weil er mich nur als gute Freundin sah und dabei mein Herz mit Füßen trat, und brachte das Fass zum Überlaufen.
    Ich blaffte ihn an: „Weißt du, was dein Problem ist? Du gibst zu schnell auf. Und zwar in allem!“
    Toms Augen weiteten sich erstaunt, weil ich noch nie in der Art mit ihm geredet hatte. Ich begann, vor ihm auf und ab zu schreiten und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum.
    „Ich meine, deine Komposition wird eh nichts ohne mich, bei Charlie hast du eh keine Chance und das Haus ist eh verloren. Was ist denn das für eine Haltung? Du hast nicht im Ansatz versucht, um das Haus zu kämpfen. Du bist zu feige, Charlie deine Gefühle zu verraten und du wartest, dass andere deine Probleme mit ein paar Noten lösen.“
    Tom starrte mich völlig überrumpelt an.
    „So, und jetzt muss ich los.“ Ich drehte mich um und stakste in großen Schritten davon, halb paralysiert von

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