Schattensturm
Dann ballte er die Hand zur Faust. Rufe ertönten. Kurz darauf flogen die ersten Pfeile aus den Schießscharten und von den Zinnen der Türme. Veronika war überrascht, keine Geräusche zu hören – kein Sirren, kein Summen, kein gar nichts, ganz anders als in den Filmen, die sie gesehen hatte. Aber vielleicht war sie zu weit weg …
Als die ersten Pfeile zu den Trollen hinabflogen, geriet der Vormarsch ins Stocken. Viele der Pfeile verschwanden im Schnee oder bohrten sich in die hastig erhobenen Schilde. Doch Veronika sah auch, wie ein paar von ihnen getroffen wurden, in Beine, in Schultern, einer in den Hals, zwei andere in die Brust. Auch ein Schütze stolperte, als ihm ein gefiederter Schaft aus dem Unterleib spross. Etwas verzögert drangen die Schmerzensschreie zu ihr nach oben, leise, gedämpft, manche aber dennoch so grauenvoll verzerrt, dass sich Veronika lieber nicht vorstellen wollte, in ihrer Haut zu stecken.
Irgendjemand dort unten schrie Kommandos, und die Schützenabteilungen begannen zu laufen, bis sie auf etwa hundert Meter heran waren. Währenddessen forderte der Beschuss weitere Opfer. Männer strauchelten und fielen, teilweise von Pfeilen getroffen, teilweise aus Ungeschick im tiefen Schnee oder von den Schilden behindert, und wurden von nachfolgenden Männernüberrannt. Dann blieben sie abrupt stehen. Die Schützen zogen Pfeile aus ihren Köchern, während die Schildträger die Schilde in Abwehrposition brachten.
»Vorsicht!«, rief Veronika.
Die Männer auf dem Wall gingen hinter Zinnen oder unter der Brustwehr in Deckung. Auch Veronika zwang sich dazu, in den Schutz einer Zinne zu verschwinden. Kurz darauf sausten Pfeile über sie hinweg oder schepperten laut gegen die Mauer. Sie blickte den Wehrgang entlang, aber für den Moment sah es nicht so aus, als ob einer ihrer Männer getroffen wäre.
Eins zu fünfundzwanzig
, rief sie sich zurück ins Gedächtnis. Im Moment schien es plötzlich machbar zu sein …
Nachdem der Pfeilhagel vorüber war, lugte sie nach draußen, zog sich jedoch schnell wieder zurück. »Die schießen auch keine Salven!«, fluchte sie, als weitere Geschosse über sie hinwegflogen.
Plötzlich schrie jemand hinter ihr. Sie wirbelte erschrocken herum und sah einen ihrer Krieger nach hinten taumeln. Zwei andere hielten ihn gerade noch fest, bevor er von der Mauer fiel, so dass er nur auf dem Wehrgang zu Boden ging. Ein Pfeil ragte aus seiner Schulter.
»In Deckung bleiben!«, rief sie. »Lasst die Bogenschützen das erledigen!« Sie wollte noch einmal nachsehen, als ihr Gefahrensinn plötzlich anschwoll und sie sich schleunigst wieder zurückzog. Genau dort, wo sie gerade ihren Kopf hinausstrecken wollte, schoss ein Pfeil durch die Luft. »Verdammte Scheiße!«, fluchte sie auf Deutsch und eilte hinter die Brustwehr geduckt zum Torturm.
Als sie dort ankam, schrie ein weiterer Mann hinter ihr getroffen auf. Sie sah sich kurz im Raum um, entschied, dass die Bogenschützen hinter ihren Scharten gestresst genug aussahen und eilte die Wendeltreppe hinauf, bis sie oben auf dem Turm angelangt war. Neben Yngvar befand sich ein knappes Dutzend Männer auf dem von Zinnen bewehrten Dach und schoss mit harten, angespannten Mienen Pfeile nach unten.
»Yngvar!«, rief Veronika und eilte zu dem Turmkommandanten. »Wie sieht es aus?«
Er verzog grimmig das Gesicht. »Seht selbst.«
Veronika erschrak, als sie nach unten blickte. Die ersten Leitern lehnten bereits am Südwall und bogen sich unter dem Gewicht der Männer durch, die hastig nach oben kletterten. Eine der Leitern neigte sich zurück, als sich oben ein Germane mit einem Gabelstab dagegenlehnte. Zwei weitere halfen ihm, und zu dritt gelang es ihnen, sie ganz umzustürzen. Veronika hörte die Trolle vor Angst aufbrüllen, dann schlug die Leiter in das Gewirr aus feindlichen Kriegern und Bogenschützen.
»Die dritte Leiter!«, schrie Yngvar.
Tatsächlich waren die Trolle auf der dritten Leiter bereits fast oben an der Brustwehr, wo vier ihrer Männer mit einem Gabelstock versuchten, sie umzustoßen. Aber die Leiter war mit vielen Feinden beladen und zu schwer. Wie gebannt sah Veronika zu, wie der Erste oben ankam, als plötzlich zwei Pfeile aus seiner Seite sprossen. Er strauchelte und fiel und nahm bei seinem Sturz zwei seiner Gefährten mit nach unten. Plötzlich war die Leiter leicht genug, lehnte sich unter dem Druck des Gabelstabs zurück und kippte
Hinter ihr stolperte einer der Bogenschützen nach hinten und ging
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