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Schwarz

Schwarz

Titel: Schwarz Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Aufbau
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Sohn Bruno, der eine Pudelmütze und Schlabberhosen trug, brüllte seine Mutter mit hochrotem Gesicht an.
    Nadine sah man ihren Kummer an. »Das Einzige, wozu ich verpflichtet bin, ist, für dich zu sorgen, und das tue ich auch gern. Sobald du wieder nach Hause ziehst«, erwiderte sie ganz ruhig.
    »Da kannst du lange warten. Mit welchem Recht willst du mir hier Vorschriften machen, verdammt, du warst ja selber noch jünger, als du plötzlich schwanger geworden und zu Vater gezogen bist. Wenn Stefan überhaupt mein Vater ist.«
    Jetzt packte auch Nadine die Wut. »Von mir kriegst du keinen Pfennig mehr. Erst meldest du dich wochenlang nicht, und dann tauchst du in diesem Zustand hier auf. Wo bist du gewesen, nimmst du wieder Stoff? Kapierst du eigentlich, dass ich mir Sorgen um dich mache?«
    »Es geht wieder nur um dich, bei allem geht es doch immer nur um dich. Verdammt noch mal«, schimpfte der junge Mann, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte mit tief in die Stirn gezogener Mütze an Kara vorbei.
    Nadine wischte sich die Wangen trocken und wollte ihrem Sohn hinterhergehen, hielt aber inne, als Kara ihr leicht die Hand auf die Schulter legte. Sie fing an zu zittern und brach in Tränen aus, Kara legte seinen Arm um sie, mehr konnte er nicht tun. Solange sie sich kannten, kämpfte Nadine gegen die Drogenprobleme ihres Sohnes an und würde es garantiert auch weiterhin tun. Bruno war ein kluger Junge, aber dickköpfig, genau wie seine Mutter mit siebzehn, hatte Kara gehört.
    »Ich hätte sonst nicht solche Angst, aber du weißt ja, was für Leute die Drogendealer und Junkies sind«, sagte Nadine, immer wieder unterbrochen von ihrem Schluchzen. »Die können jederzeit etwas völlig Unberechenbares tun, ohne jeden Grund. Annaliese hat gerade erzählt, dass vorige Woche irgendein Verrückter an der Straßenbahnhaltestelle von ihrer Freundin eine Zigarette schnorren wollte, und als sie ihm keine geben konnte, hat der Irre ihr mit dem Stilett ein Auge ausgestochen. Stell dir das mal vor! Ich will nicht jeden Abend mit solchen Sorgen schlafen gehen.«
    Nach einer kleinen Weile lockerte Kara die Umarmung und führte Nadine in den Gastraum. Dann holte er bei Annaliese zwei Gläser vom Rotwein des Hauses, einem österreichischen Blauen Portugieser.
    Kara betrachtete seine Freundin, die einen Schluck Wein nahm. Sie waren annähernd gleichaltrig und sahen beide älter aus. In Nadines schmalem, ebenmäßigem Gesicht wirkte die Haut über der spitzen Nase und den hohen Backenknochen straff, an den Augen- und Mundwinkeln waren Falten zu sehen, und der schwarze Pferdeschwanz verstärkte noch den angespannten, strengen Eindruck. Das Leben und der Stress hatten ihre Spuren hinterlassen. Kara kannte Nadines Vergangenheit einigermaßen: Mit siebzehn war sie alleinerziehende Mutter geworden, hatte sich mit ihren Eltern zerstritten und Umgang mit Leuten gehabt, in deren Nähe auch Mutter Teresa nicht sauber geblieben wäre. Kara selbst hatte Nadine von seiner Vergangenheit nur erzählt, dass seine Schwester und seine Eltern tot waren. Er wusste nicht, ob er Nadine und ihre Gesellschaft mochte, weil oder obwohl auch ihr Leben chaotisch und voller Widrigkeiten gewesen war.
    »Bist du heute nach Wien zurückgekommen?«, fragte Nadine und bemerkte den blauen Fleck auf Karas Stirn. »Ist etwas passiert?«
    »Nichts Besonderes«, versicherte Kara. Er wollte nicht, dass Nadine sich unnötig Gedanken machte, sie hatte selbst schon genug Probleme. »Aber ich muss heute noch weiter, ich fliege mit der Abendmaschine nach Helsinki.«
    »Um Verwandte zu treffen?«
    »Nein, eine Dienstreise. Vielleicht meine letzte.«

10
    Mittwoch, 29. April
    Der britische Auslandsnachrichtendienst SIS wurde auch MI6, »die Firma«, »das Büro« oder »die Freunde« genannt. Sein Hauptquartier in Vauxhall Cross am Südufer der Themse war eines der am besten gesicherten Gebäude der Welt und erinnerte von seinem ungewöhnlichen Äußeren her an eine antike Stufenpyramide. Unter den Mitarbeitern hieß es »Legoland« oder »Babylon an der Themse«. Es gehörte zu den Gebäuden der Kategorie A, weil das Risiko sowohl terroristischer Anschläge als auch von Aktivitäten feindlicher Nachrichtendienste sehr hoch war. Ein Wallgraben umgab das Gebäude, und seine speziell verstärkten Wände hielten auch dem Druck einer starken Explosion stand.
    Die Fachleute der technischen Abteilung des SIS waren für die Sicherung ihres Hauptquartiers gegen Hightech-Attacken

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