Schwarzer Tanz
Röte überzog sein Gesicht. » Leute wie Sie machen mich krank.«
Er stand auf. Rachaela erhob sich ebenfalls.
Sie schlug ihm mit aller Wucht ins Gesicht, vertrieb mit ihrem Hieb jeglichen Ausdruck daraus. Er stierte sie an, sein linkes Auge tränte, und der Abdruck ihrer Hand leuchtete in hellem Rot auf seiner glattrasierten, nach Aftershave duftenden Wange. So würde er seinem nächsten Patienten gegenübertreten müssen.
Auf Beinen so schwer wie Blei verließ sie den Raum.
Das Wohnzimmer war drei Meter fünfzig auf vier Meter. Wände und Decke waren weiß, mit einem leichten Stich ins Pfirsichfarbene, und der Teppich taubengrau. Das alles hatte sie aus dem Exposé des Maklers erfahren, bevor sie eingezogen war.
Das Bad lag etwas zurückgesetzt, so dass man zunächst einmal eine kleine Eingangshalle betrat, wenn man in die Wohnung kam. Die Badezimmereinrichtung war weiß, der Boden schwarz-weiß gefliest. Das Fenster war aus Milchglas. Auch die Küche konnte man vom Wohnzimmer aus betreten, sie besaß keine Tür. Schwarzer Fußboden, weiße Schränke und ein Spültisch aus rostfreiem Stahl. Das Küchenfenster und die zwei Fenster des großen Zimmers lagen an derselben Wand. Sie blickten über Häuserreihen und Wohnungsblocks auf ein entferntes, taschentuchgroßes Stück Park mit großen, kahlen Bäumen. Im Sommer würden sie grün sein, wie der Makler geschäftstüchtig betont hatte.
Rachaela hatte ihre Möbel für teures Geld aus dem Lager gerettet. Über das Bett breitete sie eine blaue und karmesinrote Indianerdecke, stellte Lampenschirme auf und hängte blaue Vorhänge vor die Fenster.
Die Wohnung war nicht übel. Für eine Person. Sie eignete sich nur für eine Person.
Das Radio stand auf einer Arbeitsfläche in der Küche.
Sie stellte es an. Haydn, schnell und sicher, nur Leidenschaft der Melodie. Sie war so ängstlich gewesen. Sie hatte ihre ganze Kraft gebraucht, zu dem Mann zu gehen, der dachte, Kinder wären etwas Besonderes. Warum waren sie etwas Besonderes? Sie waren formloser Teig, unfertige Dinge, dazu bestimmt, irgendwann zu einem Teil der im Allgemeinen unnützen und gefährlichen Masse Erwachsener zu werden.
Rachaela berührte ihren Bauch und zog sofort die Hand wieder zurück. Es war da drinnen. Ein Gewächs, das sich geschäftig von ihr nährte und von Sekunde zu Sekunde anschwoll. Es würde so viel Mut dazu gehören, einen anderen Arzt zu aufzusuchen, und sie würde bestimmt in ein Krankenhaus gehen müssen. Sie fürchtete Krankenhäuser. Sie misstraute Uniformen, weißen Mänteln. Und dann könnte sie wieder so einen erwischen wie heute.
Konnte sie selbst etwas unternehmen? Sie hatte schon mit sämtlichen unschädlichen Mitteln, von denen sie je gehört hatte, versucht, es loszuwerden. Gin und heiße Bäder, Turnübungen. Sie brachte es nicht fertig, sich die Treppe hinunterzustürzen. Der Aufruhr und die Menschen, ein gebrochenes Bein. Vor der Abtreibung hatte sie ebenfalls Angst. Allein der Gedanke daran, sich dieses Ding aus ihrer Gebärmutter herauskratzen oder -saugen zu lassen, hatte sie am Abend zuvor zu der modernen weißen Toilette im Badezimmer gedrängt.
Doch sie musste jemanden finden. Ein freundliches Wesen, das sie an erster Stelle sehen würde.
Obwohl sie es sich untersagt hatte, stellte sie sich vor, wie die Scarabae ihre Fühler nach ihr ausstreckten. Es waren ihre Agenten in dem Behandlungsraum; der Doktor, der zuhörte und nickte.
Es war keine Verschwörung. Es war einfach Pech. Die Tradition der Familie. Beständigkeit.
Kein Wunder, dass er sie verlassen hatte. Er hatte sich um sie ebenso gekümmert, wie um ihre Mutter. Bei Rachaela war er sich sicher gewesen.
Sie setzte sich in ihren Sessel und warf sein neues blaues Polster auf den Teppich.
Wie hübsch die Wohnung war. Sicherlich könnte sie in Frieden hier leben, allein.
Und sie musste arbeiten. Da war die Cafeteria in Lyle und Robbins. Altmodisch, nicht zu anspruchsvoll und keine Betrunkenen. Doch der Pizza Eater in der Beaumont Street würde mehr Trinkgeld einbringen. Keine Buchhandlungen. Computerisierte Ladenkassen. Diese Dinge konnten in Ordnung gebracht und überwunden werden.
Aber dies nicht. Sie lehnte sich in den Sessel zurück. Sie war so müde.
Die klaren Fenster ließen die Dächer von London, die unzähligen Schlote und Fernsehantennen und den Frühlingshimmel sehen. Ein Flugzeug. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ein Flugzeug über der Heide gesehen zu haben. Jenseits von Zeit und
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