Schwert und Laute
anzustellen, Süße, ich lasse Euch erst los, wenn ich bekommen habe, was ich will...«
Ein Gewehrschuss krachte. Isaak erstarrte und hielt den Atem an. Einen kurzen Moment lang glaubte ich, er sei getroffen. Ich wartete. Immer noch hielt er den Blick auf mich geheftet, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Dann erwachte er mit einem Mal wieder zum Leben. Endlich bewegte er sich und nahm sein Gewicht von mir. Keuchend und beunruhigt sah er sich um und umklammerte den Griff seines Dolchs, den er rasch ergriffen hatte. Weiter oben am Hügel erklangen Schreie und Gelächter: Männer, die von der Jagd zurückkehrten. Isaak fluchte, richtete sich auf und starrte mich an. Sein flackernder Blick war der eines unbefriedigten, enttäuschten Tieres.
»Ich würde Euch raten, Liam und Colin nichts von diesem Vorfall zu erzählen, denn das würde Eure Reputation unwiderruflich schädigen. Dunnings kleine Hure... Im Dorf zerreißt man sich schon das Maul über Euch. Wenn die Leute hören, dass Ihr Euren Charme dazu benutzt, Männer in die Hügel zu locken, wird das dem, was man sich bereits erzählt, nur noch mehr Glaubwürdigkeit verleihen.«
»Hundesohn! Wie könnt Ihr... Liam wird Euch niemals glauben...«
»Wollt Ihr das riskieren? Dann erklärt ihm doch, wie ich sonst das Mal hätte sehen können, das Ihr auf der linken Schulter tragt, und... diesen Schönheitsfleck auf Eurer Brust. Daher rate ich Euch stark, den Mund zu halten, sonst schwöre ich Euch, dass unsere Wege sich wieder kreuzen werden, und dann hole ich mir den Rest.«
Er steckte seinen Dolch in den Gürtel, rückte sein Plaid zurecht
und wandte sich zum Gehen. Er erkletterte den Fels und verschwand im Gebüsch, während ich verdutzt zurückblieb.
»Die Gefahr besteht nicht«, stieß ich schluchzend hervor.
Lange Minuten wartete ich, bis mein Zittern sich legte und ich aufstehen konnte. Mit weichen Knien ging ich zu Bonnie. Doch dann konnte ich meinem Drang nicht widerstehen, all meinem mühsam zurückgehaltenen Entsetzen freien Lauf zu lassen. Ich konnte mich nicht länger beherrschen und sank tränenüberströmt im hohen Gras zusammen.
Die Hütte war verlassen, und das war auch besser so. Ich fühlte mich nicht in der Stimmung, Sàras Fragen zu beantworten. Ein Topf mit Hühnersuppe hing zum Warmhalten am Kesselhaken. Ich nahm mir eine Portion und aß ohne großen Appetit. Dann steckte ich ein paar Vorräte in einen Stoffsack, füllte eine Wasserflasche und verbarg beides unter meinem Bett.
Als Sàra und Colin zurückkehrten, saß ich auf dem Boden vor der roten Glut im Kamin. Verblüfft sahen sie mich an, ohne etwas zu sagen. Colin murmelte etwas und ging dann hinaus. Sàra kam näher.
»Guten Abend«, sagte ich mit abgespannter Stimme.
»Bei allen Heiligen, wo bist du bloß gewesen?«, rief sie empört aus und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Wir haben uns Sorgen gemacht und überall in den Hügeln nach dir gesucht. Donald hat uns erzählt, was heute vorgefallen ist. Er sagte auch, du hättest dich mit Meghan unterhalten und seiest danach sehr bestürzt gewesen.«
Sie kam noch ein wenig näher und wollte schon weitersprechen, als sich Verblüffung auf ihren Zügen malte.
»Du hast geweint? Was in aller Welt kann Meg dir gesagt haben, dass du so aufgewühlt bist?«
Ich schaute finster drein und wandte meinen Blick dem Feuer zu.
»Ich möchte lieber nicht darüber sprechen.«
»Schön... wenn du es so willst«, brummte sie ein wenig verstimmt.
Ich zog die Knie unters Kinn hoch. Erneut stiegen die Gefühle
an die Oberfläche und drohten die Ruhe, die ich verzweifelt zu bewahren versuchte, zu zerstören.
»Ich sehe, dass du gegessen hast«, meinte Sàra, als sie das Geschirr wegräumte.
»Ja, danke.«
Mein Magen zog sich zusammen. Plötzlich kam ich mir schrecklich undankbar vor. Man hatte mich hier aufgenommen, ohne mir Fragen zu stellen. Diese Menschen hatten mich gepflegt, mir zu essen gegeben, mich untergebracht und sich um mein Wohlergehen gesorgt. Und was gab ich ihnen dafür? Nichts. Abgesehen von meiner tiefen Dankbarkeit hatte ich ihnen nichts zu bieten. Und jetzt hatte ich vor, mich wie eine gemeine Diebin davonzuschleichen und sie auf diese Weise für ihre Großmut zu entschädigen. Eine tiefe Traurigkeit überkam mich.
»Hast du Lust, eine Partie Schach zu spielen?«, fragte Sàra schüchtern.
Ich drehte mich zu ihr um. Warum nicht? Ohnehin war es noch ein wenig früh zum Schlafengehen.
9
Das Herz folgt seinem eigenen
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